Unsichtbarer Feind

Die Gegend, durch die die schnurgerade Straße führt, wird immer einsamer. Nebel wabert über der Riedlandschaft. Nur hin und wieder taucht ein Pferdefuhrwerk oder ein Lada am Horizont auf. Das Herbstlaub der Bäume leuchtet in den wärmsten Farbtönen, wenn gelegentlich ein Sonnenstrahl durch die Nebeldecke bricht. Fast schon bin ich geneigt, diesen Ort als idyllisch zu empfinden. Doch ein mulmiges Gefühl in der Magengegend ist allgegenwärtig. Diese Landschaft ist verwunschen und ich werde jäh aus meinen Gedanken gerissen, als uns ein Schrankenbaum samt Wachposten an der Weiterfahrt hindert. Das erste Etappenziel ist erreicht: der 30-Kilometer-Checkpoint. Die Ausweise werden geprüft. Hier kommt nur rein, wer sich vorher registriert hat und auf der Liste des Wachpersonals steht.


Na, dämmert’s euch langsam? Ich will euch nicht länger auf die Folter spannen, denn den Namen der Kleinstadt, in der wir gerade unseren ersten Stopp machen, habt ihr garantiert alle schon gehört: Chernobyl.

Es leben tatsächlich noch wenige Menschen hier, die sich um die Unterhaltung der Straßen und Gebäude kümmern und immer noch mit der Dekontamination beschäftigt sind. Unsere Gruppe darf sich frei bewegen und so breche ich zu einem kleinen Spaziergang durch den alten Ortskern von Chernobyl auf. Vorher noch ein Blick auf den Geigerzähler: 0,15 Mikrosievert pro Stunde. Da der Grenzwert in der Ukraine bei 0,3 liegt, ist alles quasi noch im grünen Bereich….
Die einst breite Asphaltstraße ist zu einem Trampelpfad verkommen. Die meisten der Holzhäuser sind bereits in sich zusammengefallen. Hier gibt es keine Nachbarn mehr. Das Dickicht der Bäume und Sträucher hat sich „27 Jahre danach“ sein Terrain zurückerobert. Der Bus hupt, das Signal zur Abfahrt. Ich renne den Weg zurück, denn hier will ich auf keinen Fall alleine zurückbleiben. Die anderen warten schon auf mich – hab mich im Eifer des Fotografierens etwas in der Zeit vertan…


„Heldendenkmal – To those who saved the world“

Nach etlichen Minuten Fahrt dann wieder ein Checkpoint mit Schrankenbaum. Von hier sind es noch 10 Kilometer zum Reaktorblock 4 – und ab hier kann kein Mensch mehr leben. Vom Dorf Kopachi ist nur noch der Kindergarten stehen geblieben. Die restlichen Gebäude wurden aufgrund der starken Strahlenbelastung evakuiert, abgerissen und im Boden vergraben. Hier schlägt auch der Geigerzähler zum ersten Mal den akustischen Alarm an, denn wir befinden uns an einem Hot-Spot. Je näher man den Geigerzähler dem Erdboden annähert, desto stärker die gemessene Radioaktivität. Wenige Zentimeter über dem Boden sind es schon 6,0 Mikrosievert, was einer zwanzigfachen Grenzwertüberschreitung entspricht.
Der Kindergarten gleicht einem Gruselkabinett. Spielzeug, Puppen und Schulhefte liegen am Boden verstreut. Die Kinderbettchen stehen in Reih und Glied an der Wand, die Deckchen liegen zerwühlt umher. Alles sieht nach einem hastigen Aufbruch aus. Und tatsächlich ist hier die Zeit am 26. April 1986 stehengeblieben – und nie mehr wiedergekehrt. Längst sind die Fensterscheiben zerborsten, ist Feuchtigkeit und Dreck eingedrungen und irgendwann wird auch dieses Gebäude einstürzen.

Der Bus setzt sich wieder in Bewegung – und dann hinter einer Kuppe – erhasche ich den ersten Fernblick auf die Reaktorblöcke von Chernobyl. Wie ein gigantisches Mahnmahl wirkt die Silhouette von Block 4. Erschreckend, erschütternd und doch so faszinierend. Hier nahm also in der verhängnisvollen Nacht vom 26. April 1986 alles seinen Lauf. Hier löste ein simulierter Störfall den tatsächlichen Super-GAU aus. Von hier aus bewegte sich die radioaktive Wolke in Richtung Westeuropa. Dieses Atommonster ist bis heute dafür verantwortlich, dass in meiner etwa 1.500 Kilometer Luftlinie entfernten oberschwäbischen Heimat Wildschweine und Waldpilze teilweise noch heute ungenießbar sind.
Es dauert noch etliche Kilometer, bis wir uns im Zentrum der Anlage befinden und der Fahrer den Bus stoppt. Chernobyl war die größte Atomanlage der Sowjetunion und ein weiterer Ausbau in Form der nie vollendeten Blöcke 5 und 6 bereits im Gange. Bis ins Jahr 2000 wurde im Block 3 noch Strom produziert. Unglaublich eigentlich, wenn man bedenkt, dass der Reaktor nur wenige Meter neben der Unglücksreaktor steht.


Reaktor 4 (links) und 3 (rechts)

Unvollendete Baustelle Reaktor 5 und 6 

Schließlich kommt unsere Gruppe 270 Meter bis an den Reaktor Nummer 4 heran. Der Geigerzähler schlägt sofort aus und zeigt 4,5 Mikrosievert pro Stunde an. Die Radioaktivität ist hier unmittelbar vor dem Reaktor geringer als an vielen anderen Stellen. Das hängt ganz davon ab, wo der radioaktive Fallout damals nieder ging. Es gibt hier den sog. „roten Wald“, da würde sich kein normaler Mensch auch nur einen einzigen Meter weit hinein wagen, weil alles verseucht ist. Die Straßen und Gebäude wurden größtenteils dekontaminiert, aber ein Gebiet mit einem Radius von 30 Kilometern vollständig zu säubern ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die riesige Fläche hat sich – nach dem Rückzug des Menschen – zu einem Habitat für Wildtiere wie den Wolf entwickelt. Wenige hundert Meter von Block 4 entfernt steht dann tatsächlich ein grasendes Wildpferd am Straßenrand.

Die Reaktoren verschwinden hinter einer Anhöhe – und schon befinden wir uns in der Geisterstadt Prypiat. Prypiat war nur ein kurzes Leben beschieden. Ab 1970 bis zu jenem verhängnisvollen Tag 1986 lebten hier 43.000 Ingenieure, Techniker, Frauen und Kinder. Von heute auf morgen hat die Stadt aufgehört zu existieren und musste für immer evakuiert werden. Die nächsten 300 Jahre ist hier kein menschliches Leben möglich. Die einstige Vorzeigestadt hat heute der Wald verschlungen. Auf unserem einstündigen Rundgang durch das Stadtzentrum erkunden wir den berühmten Freizeitpark das Hallenbad und einen Supermarkt. Einen solch surrealen, depressiven, aber dennoch fesselnden Ort dürfte es auf der Welt kein zweites Mal geben…

Es geht zurück nach Chernobyl in die 30-Kilometer-Zone. Wir passieren den über hundert Meter hohen Sarkophag, der 2016 den Unglücksreaktor für die nächsten 100 Jahre abschotten soll. Der Geigerzähler schlägt noch mal auf über 10 Mikrosievert aus und nach kurzer Zeit verlasse ich diesen Ort auf Nimmerwiedersehen. Die eigentlich obligatorische Strahlenkontrolle beim Verlassen der „Todeszone“ entfällt heute wegen Stromausfall. Ironie des Schicksals, nenn ich das!
Die Kantine in Chernobyl serviert zum Abschluss ein leckeres ukrainisches Essen. Absolut strahlungsfrei, wie man mehrfach versichert… Nur die Hände muss sich jeder Tourteilnehmer besonders gründlich waschen. Beim Verlassen der 30-Kilometer-Zone funktioniert die Strahlenkontrolle. Hände seitlich auflegen, drei Sekunden warten, ein grünes Licht blinkt auf und dann entlässt mich ein Gitter wieder zurück in die Zivilisation.

Es wird noch Tage dauern, bis ich diese vielen Eindrücke in meinem Kopf verarbeitet habe. Zu krass und zu bewegend das alles… Muss man das wirklich gesehen haben, wird sich der ein oder andere Leser nun fragen? Ich sage eindeutig ja – und das hat jetzt nichts mit Katastrophentourismus zu tun. Dieser Trip führt einem vor Augen, dass die Nutzung der Atomkraft mit einem sehr hohen Restrisiko verbunden ist.
Die Strahlendosis, die mein Körper während des sechsstündigen Aufenthalts in der Sperrzone abgekriegt hat, entspricht übrigens ungefähr jener eines achtstündigen Langstreckenflugs.

3 Gedanken zu „Unsichtbarer Feind

  1. 06 Jan 2015, Oberschwabe:
    das ist ja heftig, ich hätte mich da nie hingetraut. Die Fotos sind der Wahnsinn, aber du warst ja wirkich nahe am ehemaligen Kernkraftwerk – das hätte ich mich noch weniger getraut! uiui.. Die Auswirkungen sind sogar heute noch in Süddeutschland bemerkbar, so werden in meiner Heimatstadt Waldsee werden die Wildschweine verbrannt, weil sie radioaktiv verstrahlt sind und nicht zum Verzehr geeignet! Kein Spaß!!

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