Der Wahnsinn hat einen Namen: Bishwa Ijtema

Alljährlich im Januar spielen sich in der Stadt Tongi nahe Bangladeschs Hauptstadt Dhaka Szenen ab, die so unglaublich anmuten, dass man sie mit eigenen Augen gesehen haben muss. Der Wahnsinn hat einen Namen: Bishwa Ijtema. Das Pilgerfest ist gleich nach Mekka weltweit das zweitgrößte Zusammentreffen muslimischer Gläubiger. Millionen Muslime pilgern während des dreitägigen Happenings in die Kleinstadt – und viele nutzen die Eisenbahn. Eine Woche möchte ich mich unter die Pilger mischen, die hoffnungslos überbesetzten Züge fotografieren und auf dem Zugdach durch die Landschaft schaukeln.

Schon der Hinflug von Dubai nach Dhaka verläuft verheißungsvoll. Die Maschine ist vollbesetzt, überwiegend mit bärtigen Muslimen aus dem Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ich habe mich extra seit vier Wochen nicht rasiert und falle trotzdem auf wie ein bunter Hund. In den hinteren Reihen erspähe ich beim Toilettengang immerhin einen westlich aussehenden Passagier und fühle mich fortan nicht mehr ganz so einsam. Amüsiert beobachte ich, wie der erste Gläubige die Gebetsdecke im Mittelgang ausbreitet und mit dem Gebet beginnt. Viele tun es ihm gleich und rasch ist der Weg durch den Flieger unpassierbar. Sobald ein Muslim das Gebet beendet hat, wird der freiwerdende Platz von einem Gebetsbruder eingenommen. Die Stewardessen kriegen die Vollkrise, denn an ein Durchkommen ist nicht zu denken und die Betenden machen keinerlei Anstalten, ein Stück auf die Seite zu weichen. Erst als die Anschnallzeichen angehen, haben die hübschen Damen ein Druckmittel in der Hand und beenden unsanft die andächtige Versammlung. Ein Gemurre und Gemecker geht durch die Reihen. Ich bin erheitert zu sehen, wie gestandene Mannsbilder von den handgreiflichen Stewardessen auf die Plätze zurück verfrachtet werden. Hier oben weht ein anderer Wind als zu Hause in den eigenen vier Wänden. Die Nacht vergeht auch ohne Schlaf und im dunstigen Morgenlicht setzten wir zur Landung an. Diesmal bringen die Landsleute die Stewardessen in Rage. Sekundenbruchteile nach dem touch down auf dem Runway springt der erste Bangladeschi aus dem Sitz und greift nach seinem Handgepäck. Genervt schreit die Senior Stewardess ins Mikro: „SIT DOWN, SIT DOWN!“. Das Spielchen wiederholt sich im Minutenrhythmus, bis wir endlich am Gate andocken. Augenblicklich stürmt die gesamte Passagierschaft los und ich erlebe einen kleinen Vorgeschmack auf das Chaos, welches in den kommenden Tagen noch über mich hereinbrechen sollte.

Die Immigration ist schnell gefunden. An einem uralten Holzschreibtisch sitzt ein Beamter mit einem sehr dicken Register. Er verweist mich an den Kassenschalter, wo ich 51 US-Dollar in bar entrichte. Sodann werde ich mit dem Quittungsbeleg zurück geschickt und meine Daten werden penibel handschriftlich im dicken Buch registriert. Mit dem Stempel im Pass betrete ich ein abenteuerliches Land. Die Stadt Tongi und das von mir gewählte Hotel liegen nur wenige Kilometer vom Airport entfernt. Eigentlich wollte ich gar keinen Abholservice, aber als ich den Fahrer mit meinem Namensschild erblicke, bin ich erleichtert. Der Hotelangestellte ist sehr gesprächig und navigiert uns geschickt auf Nebenstraßen durch das gerade einsetzende Chaos. Es ist Freitagvormittag und der Zustrom der Pilgermassen hat just begonnen. Ich kann die müden Augen kaum mehr offen halten und gönne mir zwei Stunden Schlaf im Hotelbett. Punkt 12 wird das bestellte Mittagessen aufs Zimmer geliefert. Gebratener Reis mit Hühnchen weckt meine Lebensgeister und ich spüre, wie der Entdeckerdrang steigt. Schnell die Sachen gepackt und raus auf die Straße… Das Hotelpersonal stoppt eine Fahrradrikscha für mich und verklickert dem Fahrer, dass er mich am Bahnhof absetzen soll. Der zähe Nebel weicht den ersten Sonnenstrahlen. Ich fühle mich wie ein Pascha auf meiner Fahrradrikscha und staune Bauklötze als ich die Umgebung visuell und akustisch abchecke. Um mich herum nur Verkehrschaos, Lärm, Staub, Dreck, Armut, Elend und Gestank… Es fühlt sich so surreal an. Als wäre alles nur ein wirrer Traum. Mein Körper ist noch völlig ausgebrannt von der langen Reise und meine Synapsen können die über mich hereinbrechenden Sinneseindrücke nicht verarbeiten. Was zur Hölle mache ich hier? Bis vor wenigen Stunden dachte ich noch, ich hätte die ganze Welt gesehen! Bangladesch ist definitiv nicht same same but different! Nach einem Kilometer bleiben wir im Stau stecken. Der Pilgerstrom ist gewaltig ins Stocken geraten. Ich befinde mich nun in Sichtweite des „Festivalgeländes“. Es geht nicht mehr vorwärts. Menschen schieben sich zwischen den vielen Bussen, Lastwagen und Rikschas hindurch. Ich bin mental noch nicht dazu bereit, abzusteigen und mich auf eigene Faust durchzuschlagen. Also übe ich mich in Geduld. Nach geschlagenen anderthalb Stunden erreichen wir den nur wenige Kilometer entfernten Bahnhof von Tongi. Ich belohne den Fahrer mit dem Trinkgeld seines Lebens und bringe meinen Dank zum Ausdruck, dass er mich sicher durch dieses Durcheinander ans Ziel gebracht hat.

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Das Bahnhofsgelände ist überschaubar und ich nutze den restlichen Nachmittag damit mich „warm zu schießen“ und auf Tuchfühlung mit den Reisenden zu gehen. Als die Dämmerung anbricht suche ich mir eine Rikscha. Ich möchte vermeiden, dass ich gleich am ersten Abend in die Dunkelheit hineingerate. Dazu fehlt mir einfach noch die Routine und ich kann die Sicherheitslage nur unzureichend einschätzen. Gott sei Dank habe ich eine Visitenkarte vom Hotel eingesteckt, die ich dem Fahrer präsentiere. Er fährt munter drauf los, hat aber keinen blassen Schimmer von der Gegend, wie sich schnell herausstellen sollte. Schon nach kurzer Zeit sind wir auf die Hilfe von Passanten angewiesen. Die Visitenkarte wird von Hand zu Hand gereicht. Zahlreiche Menschen umringen mich und meinen Fahrer und bringen gut gemeinte Ratschläge ein. Endlich mal was los hier an der Ecke… Der heiße Tipp lässt leider auf sich warten und am Ende sollte die Kurzdistanz erneut anderthalb Stunden Zeitaufwand bis zum Ziel erfordern. Auf der Hauptstraße vor dem Hotel ist die Hölle los. Ein kilometerlanger Nachtmarkt versorgt die vielen Pilger mit Lebensmitteln, Decken und Souvenirs. Der Geräuschpegel ist unbeschreiblich. Das permanente Hupen der Autos verschmilzt zu einem Dauerhupton ähnlich einem Tinitus. Hatte ich nicht extra ein Hotel in einer ruhigen Nebenstraße ausgesucht? Obwohl ich auf akustische Reize ansonsten sehr sensibel reagiere, schlafe ich sofort ein.

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Der Samstag bricht an und auf der Straße vor dem Hotel ist immer noch Markt. Die Händler sind hier offensichtlich in 24/7 Bereitschaft und schlafen auch hinter, in oder zwischen ihren Buden und Zelten. Heute möchte ich zu Fuß gehen, denn mein Bedarf an Fahrradrikschas ist erstmal gedeckt. Mit Google Maps bestimme ich meine geographische Lage. Schnell stellt sich heraus, dass der Hotelstandort bei booking.com an der völlig falschen Stelle markiert wurde. Ich steige aufs Hoteldach um mir einen Überblick zu verschaffen. Ein Meer aus Zelten breitet sich direkt hinter dem nahegelegenen Flussufer aus. Jetzt erst dämmert mir, warum vor meinem Fenster Tag und Nacht der Bär steppt. Statt einer ruhigen Seitenstraße in Bahnhofsnähe habe ich mein Quartier also direkt im Epizentrum des Pilgerfests bezogen. Tja, jammern hilft da wenig und so präge ich mir den Weg zum Bahnhof auf den Internetkarten gut ein und marschiere zielstrebig los. Die breite Straße führt direkt durchs Camp. Das riesige Gelände ist in hunderte Parzellen unterteilt auf denen Zelte stehen oder Biwaks veranstaltet werden. Ein Flashback an meine Zeit im Ministrantenzeltlager (wenngleich es dort etwas überschaubarer zuging)… Zehntausende Männer – darunter nicht eine einzige Frau – sind auf der Straße. Es wird immer enger und stickiger. Ich leide Gott sei Dank nicht unter Klaustrophobie und so bahne ich wacker meinen Weg. Die bärtigen Männer kacken und pissen wie die Tiere an den Straßenrand. Gut, dass alle einen langen Rock tragen, dann bleibt mir wenigstens dieser Anblick erspart. Sehr nachdenklich stimmen mich die vielen Krüppel und Körperbehinderten, die am Straßenrand im Dreck sitzen oder liegen und um eine Spende betteln. Es gehört zu den Pflichten eines gläubigen Muslims, die Schwächeren zu unterstützen und so scheinen die ärmsten der Armen wenigstens in diesen Tagen einen vollen Klingelbeutel zu haben. Schließlich erreiche ich am Ausgang des Camps eine viel befahrene Straßenkreuzung, deren Überquerung lebensbedrohlich wirkt. Als Fußgänger in Bangladesch bist du das schwächste Glied in der Kette und musst dich sehr umsichtig bewegen. Die Fahrzeuge stehen Stoßstange an Stoßstange und lassen nur wenig Bewegungsspielraum für Passanten. Ich gehe los. In diesem Moment schrammen zwei Busse seitlich aneinander entlang. Glas splittert und Metall verbiegt sich krachend. Lesson learned: Niemals längs zwischen den Fahrzeugen entlang gehen, sondern immer quer in Sichtweite des Fahrers marschieren! Die Busse und Lastwagen sind völlig verschrammte und zerdengelte Gefäße und ob die Bremse wirklich funktioniert, willst du nicht am eigenen Leib erfahren.

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Der Fußmarsch führt mich nun etwas außerhalb des Stadtzentrums durch die Slums. Noch nie habe ich knöcheltief im Müll gesteckt. Überall brennen Plastikfeuer, der üble Dampf brennt in der Lunge. Menschliche Fäkalien sind allgegenwärtig. Es gibt hier keine sanitären Anlagen und so verrichten die Menschen ihre Notdurft am Straßenrand. Ich bin verdammt froh, dass ich nicht in Flip Flops durch diesen Dreck und Kot stapfen muss.

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Instinktiv wie ein Wünschelrutengeher die Wasserader findet der Eisenbahnenthusiast den Bahnhof. Heute ist hier mehr los. Die Dächer der ankommenden Züge sind teilweise schon mit Menschen besetzt. Die Akklimatisation ist bei mir bereits weitfortgeschritten und ich komme oft mit den Reisenden ins Gespräch. Ich kaufe die erste Kippenschachtel seit acht Jahren und verteile die eine oder andere Zigarette an meine Gesprächspartner oder an die vielen Bettler. Drei junge Studenten laden mich auf einen Chai auf dem Bahnsteig ein und üben etwas Englischkonversation mit mir. Oftmals werden bei solchen Begegnungen Handynummern oder Facebook Accounts ausgetauscht oder Gruppenfotos und Selfies angefertigt.

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Die Motive fallen mir geradewegs in den Schoß. Bunt gekleidete Frauen, bärtige Männer mit weißen Kutten und qualmende Dieselloks sind hervorragende Fotogelegenheiten und versetzen mich in Begeisterung.

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Ich beobachte, wie spielende Kinder eine kleine Rangierlokomotive erobern. Der Lokführer lässt die Jungs gewähren und dreht eine extra Runde durch den Bahnhof. Als sie mich und meine Kamera bemerken, schallt es schon von weitem: „Foto, Foto!“. Die kleinen Racker haben großen Spaß dabei, auf der Lokomotive zu posen und anschließend die Bilder auf dem Kameradisplay zu betrachten. Ich liebe dieses Land, so viel steht am zweiten Reisetag definitiv fest.

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Auf dem Rückweg per pedes passiere ich das dunkle Camp. Tausende Kerzen brennen in den Lagern und der Bienenschwarm kommt allmählich zur Ruhe. Es ist ergreifend, zu beobachten, wie die Menschen so friedlich und gottesfürchtig auf kleinstem Raum beten und leben. Ich lege mich früh schlafen. Zum morgigen Abschlussgebet werden Millionen Menschen erwartet – und meine Canon und ich sind richtig heiß darauf!

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Sonntag – Showdown! Es ist noch dunkel als ich mich auf den Weg mache. Bereits nach wenigen hundert Metern mache ich meine erste Grenzerfahrung. Die Brücke über den Tongi River zum Pilgergelände ist dermaßen vollgestopft mit Menschen, dass sich leichte Panik breitmacht. Für die etwa einen Kilometer lange Passage durch das Gelände würde ich Stunden brauchen, weswegen ich notgedrungen umkehre und einen sehr langen Umweg in Kauf nehme. Die Eisenbahnbrücke über den Fluss ist nach etwa einer Stunde Fußmarsch erreicht. Während ich neben den Gleisen sitze und auf den ersten Pilgerzug warte, spielen sich sonderbare Szenen ab. Eine Gruppe junger Männer überquert die Eisenbahnbrücke unerlaubterweise auf den Schienen statt auf dem davor vorgesehenen Fußgängersteg. Der wachsame Ordnungshüter am anderen Ende der Brücke marschiert schnurstracks auf die Gruppe zu und verpasst dem Erstbesten ohne jegliche Vorwarnung eine schallende Ohrfeige. Dann erst folgt die Belehrung. Schließlich wird die Gruppe zu disziplinarischen Maßnahmen verdonnert. Die Männer müssen sich selbst an den Ohrläppchen ziehen und zwanzig Kniebeugen machen, während der Polizist den Knüppel drohend in der Hand wiegt. Das Gelächter der Schaulustigen ist groß und auch ich stimme lauthals mit ein.

Dann endlich ertönt der laute Pfiff einer Lokomotive und ein stählerner Lindwurm rumpelt über die alte Stahlbrücke. Klack, klack, klack – ich fotografiere im Serienbildmodus und konzentriere mich auf den gewählten Motivausschnitt. Erst als ich die Kamera absetze kann ich die Menschentraube erfassen, die den Zug bevölkert. Im Grunde erkennt man die Lokomotive gar nicht mehr als solche, denn wirklich jeder Quadratzentimeter ist mit Menschen besetzt , also auch die Kupplungen, Puffer, Umlaufgitter, Dächer und Seitenfenster. Ich muss mich kneifen. Unfassbar! Überwältigend! Atemberaubend! Mir fehlen die Adjektive, die im Stande währen, diese Kulisse zu beschreiben. Gut, dass an diesem Tag über tausend Fotos entstehen werden.

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Die Straßenbrücke über die Bahnhofsausfahrt ist mein nächster Anlaufpunkt. Von oben hat man einen hervorragenden Blick auf den Ameisenhaufen. Wieder bahnen sich Pilgerzüge den Weg in den bereits proppevollen Bahnhof. Die Menschen auf den Wagendächern jubeln, singen und schwenken die Nationalflagge, als sie das Ziel erreichen.

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Es ist bereits halb Zwölf und in Kürze wird das Abschlussgebet per Lautsprecher übertragen. Zu dieser Zeit geht in der Stadt nichts mehr. Mehr als zwei Millionen Pilger sind heute nach Tongi gekommen und der Verkehr mit Bussen, Rikschas und Pkws ist längst zusammengebrochen. Lediglich die Eisenbahn verrichtet zuverlässig ihren Dienst und bringt Zug um Zug tausende neuer Wallfahrer in die Stadt. Meine Umgebung blende ich völlig aus, alles was sich bewegt wird durch den Sucher meiner Kamera erfasst. Zu spät registriere ich daher, dass sich die breite Straßenbrücke in einen sehr schmalen Pfad verwandelt hat. Die Pilger richten sich auf das Abschlussgebet ein und breiten die Gebetsteppiche auf der Straße aus. Verdammt, ich muss sofort die Stellung wechseln, um ein besseres Schussfeld auf die Züge zu kriegen. Hektisch schiebe ich mich gegen die Massen, doch bereits nach wenigen Metern registriere ich die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens. Ich lasse mich vom Strom in die Gegenrichtung treiben. Der Pfad in der Mitte der Brücke hat sich so weit verengt, dass nur noch ein halber Meter Platz geblieben ist. Durchatmen und nicht Durchdrehen! Spontan bildet sich eine Polonaise und ich reihe mich einfach ein. Der Hintermann fasst dem Vordermann an die Schultern und so trotten wir gut gelaunt durch die Menschenmasse, begleitet von viel Gelächter. In Gedanken summe ich: „Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse, denn nun geht sie los unsre Polonaise“.

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Nach einer halben Stunde bin ich endlich von der dämlichen Brücke runter. Das Abschlussgebet beginnt in diesem Moment. Die Männer verharren andächtig und falten die Hände vor dem Gesicht. Ich muss mir einen besseren Überblick verschaffen und klettere waghalsig auf ein Eisenbahnsignal. Während mehrere zehntausend Bahnhofspilger murmelnd ins Gebet vertieft sind, stehe ich gut acht Meter über den Dingen. Ein unfassbares Panorama breitet sich vor mir aus. Die Menschen kichern und winken fröhlich, wenn sie mich in meinem Ausguck erspähen. Irgendwie schaue ich doch wie ein Alien in dieser einfarbigen Veranstaltung aus.

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Ein Blick auf die Uhr veranlasst mich zu einem Stellungswechsel. Gleich ist das Abschlussgebet vorüber und ich möchte noch einige Motivvariationen ausprobieren. Ein letzter Pilgerzug erreicht den Bahnhof. Zu diesem Zeitpunkt spricht der Vorbeter gerade die letzten Sätze. Ob sich diese strapaziöse Reise wirklich gelohnt hat? Gerade habe ich Position auf einer Mauer bezogen, als die fromme Stimmung ein jähes Ende findet. Lautstark und ungestüm setzt sich die Masse abrupt in Bewegung. Der „final prayer“ ist vorüber und die bereitstehenden Züge werden in Sekundenbruchteilen gestürmt.

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Erneut fehlen mir die Worte – gut, dass ich die Vorgänge von meinem sicheren Mäuerchen aus beobachten und fotografieren kann. Als sich die Menge etwas sortiert hat, begutachte ich die abfahrbereiten Züge aus nächster Nähe. Die Stimmung ist großartig, die Pilger lassen sich bereitwillig fotografieren, jubeln und danken Allah überschwänglich für diesen großartigen Tag und das Lebensglück. Ich bin schwer beeindruckt.

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Der erste Zug kann den Bahnhof nur mit Hilfe der Exekutive verlassen. Eine Polizeistaffel räumt das Gleis und schwingt bedrohlich die Holzprügel. Gott sei Dank bleibt die Stimmung friedlich und unter tosendem Beifall setzt sich der Zug langsam in Bewegung.

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Auf den Gleisen trotte ich stadtauswärts, um noch einige Aufnahmen von den fahrenden Zügen anzufertigen. Zwischen den Gleisen sitzen Gläubige mit Megaphonen und beten. Sie sammeln für eine neue Moschee. Bereitwillig lasse ich einige Rupien springen. Beim Warten auf den Zug bin ich stets von meinem Fanclub umringt. Während ich auf einen Stromverteiler klettere und mir einen höheren Fotostandpunkt verschaffe, versammeln sich zu meinen Füßen ungelogen zwanzig Menschen. Sie machen nichts, sie reden nichts, sie starren mich nur an. Der Tag klingt für mich am Tongi River aus. Die Sonne versinkt im dreckigen Fluss und ich mache eine letzte Aufnahme. Erschöpft und unter starkem Endorphineinfluss erreiche ich meine Unterkunft. Die heiße Dusche ist ein sagenhaftes Erlebnis und lässt mich ein wenig zur Ruhe kommen. Ein dreckiges Rinnsal sucht seinen Weg in den Abguss, als ich mich gründlich abseife. Aus den Nasenlöchern schnäuze ich eine schwarze Substanz heraus. Ekel überkommt mich. Was für eine Sauerei in diesem Land…

Auch Stunden später sind die Straßen noch verstopft. Es wird die ganze Nacht und den Montagvormittag in Anspruch nehmen, bis alle Pilger wieder ihrer Wege gegangen sind.

Am Montagvormittag brauche ich eine kurze Auszeit. Bangladesch ist hinreißend, aber allmählich zehrt es auch an meinem Nervenkostüm. Der Gestank und Dreck, die elende Armut und die extreme Menschendichte sind sehr belastend. Doch schon nach wenigen Stunden Fernsehen und Internet schöpfe ich neue Energie. Eine wichtige Mission steht noch auf meiner ToDo-Liste: „Auf dem Zugdach mitfahren“!

Am Bahnhof herrscht mal wieder Chaos. Wegen einer Straßenblockade weichen viele Reisende auf die Bahn aus. Solche Blockaden sind eine ernstzunehmende politische Angelegenheit und können auch schnell in Gewalt umschlagen. Wenige Tage zuvor ließen Opportunisten einen Zug bei Chittagong entgleisen. Am Schalter ist eine ellenlange Schlange und der diensthabende Beamte würde mich ohnehin nicht verstehen. Ich bediene mich daher eines Tricks und verlange den Stationmaster zu sehen. Sofort werde ich ins Büro des Bahnhofschefs begleitet und erfahre eine Vorzugsbehandlung. Er verklickert mir, dass der reguläre Fahrplan heute außer Kraft gesetzt sei und dass alle Züge nach dem Prinzip Zufall verkehren. Da der Tag schon weit fortgeschritten ist und ich keinesfalls in der Provinz stranden möchte, entscheide ich mich für die relativ kurze Fahrtstrecke von etwa einer Stunde nach Joydepur. Während der Wartezeit schließe ich Bekanntschaft mit dem Zugansager. Er sitzt an seinem Schreibtisch mit einem kleinen Mischpult und umgreift sein Mikrofon wie ein Schlagerstar. Tatsächlich singt er mir wenige Augenblicke später bangladeschisches Liedgut vor. Und nicht nur ich komme in den Genuss seiner schmeichelhaften Stimme. Seine Gesangeskünste trällert er auch über die Außenlautsprecher auf die Bahnsteige. Der ganze Bahnhof verwandelt sich in eine Meute kichernder Kinder. Man muss diese Leute einfach gern haben und für ihre gelassene und humorvolle Art bewundern. Mein neuer Freund drückt mir das Mic in die Hand: „Na los, sag was!“. Verdutzt registriere ich meine widerhallende Stimme sagen: „Hello people of Bangladesh. I love your country!“. Er lächelt zufrieden.

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Dann fährt mein Zug ein. Ich verabschiede mich vom Bahnpersonal und betrete entschlossen den Bahnsteig. Wie man aufs Zugdach klettert, habe ich in den letzten Tagen aufmerksam beobachtet. Doch ohne Erfahrung ist diese Kletterei ganz schön tough. Ich betrete die Kupplung zwischen zwei Waggons, stemme die Arme und Füße gegen die beiden Wagenkästen und taste mich nach oben. Dafür braucht es viel Kraft und Geschicklichkeit. Die Fahrgäste auf dem Dach haben meine missliche Lage registriert und ziehen mich mit vereinten Kräften nach oben. Geschafft. Ich fühle mich saugeil. Als sich der Zug in Bewegung setzt, stehe ich breitbeinig und aufrecht auf dem Wagendach und genieße den Rummel um meine Person. Auch der Stationsansager verabschiedet sich mit einem respektvollen Daumen nach oben und winkt mir ein letztes Mal zu. Wir werden immer schneller und der Zug schwankt bedrohlich nach links und rechts. Es ist eine große Herausforderung im Stehen die Balance zu halten. Und ich muss höllisch auf tief hängende Stromleitungen und Äste achten und immer wieder den Kopf einziehen. Die Höchstgeschwindigkeit ist bei 80 km/h erreicht und das fühlt sich auf dem Zugdach verdammt schnell an. Ich setzte mich und genieße den Rest der Fahrt. Der Ausblick ist grandios und der Fahrtwind vermittelt mir ein ganz neues Reisegefühl. Endgeil!

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Nach etwa zwanzig Kilometern erreicht der Zug Joydepur. Der Abstieg geht wesentlich leichter vonstatten. Die nächste Rückfahrtmöglichkeit besteht in einer knappen halben Stunde und so treibe ich mich ein wenig auf dem Bahnsteig herum. Kaum, dass die Lokomotive meines Zugs stillsteht, klettere ich am Führerhaus nach oben, balanciere an den Abgashutzen entlang nach hinten und mit einem Satz – hopp – springe ich auf das Dach des ersten Personenwagens. Kommt vielleicht nicht ganz so heldenhaft rüber, wie im Actionfilm, aber immerhin habe ich die Poleposition ergattert. Der Dieselruß steigt meterhoch in den Himmel und vernebelt meine Sicht, als wir schwerfällig und mit lautem Dieselmotorengebrüll anfahren. Ich schwebe im siebten Eisenbahnerhimmel und sitze mit einem breiten Grinsen auf dem Dach, während der Zug durch die Landschaft schnaubt. Ich bin überrascht zu sehen, dass Grünfarbtöne in der hiesigen Flora überhaupt vorkommen, denn in Dhaka oder Tongi sind die Pflanzen mit einer dicken Staub- und Dreckschicht überzogen.

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Auf dem Heimweg zum Hotel begehe ich einen fatalen Fehler. Übermütig futtere ich an einfachen Straßenständen gebratene und frittierte Snacks in mich rein, aus Überzeugung, ich müsste nun ganz und gar in die Kultur des Landes eintauchen. Es schmeckt zunächst lecker. Die Nacht jedoch beginnt mit Fieberschüben und Erkältungssymptomen. Dann folgt die heftigste Magen-Darm-Erkrankung meiner Reisekarriere. Drei Tage bin ich vollkommen außer Gefecht gesetzt. Einmal breche ich beim Kotzen ohnmächtig über der Kloschüssel zusammen und wache in einer Blutlache auf. Über meinem linken Auge habe ich mir eine kleine Platzwunde vermutlich beim Aufprall auf die Klobrille zugezogen. Das Zeitgefühl ist mir völlig abhanden gekommen. Ich kann bis heute nicht einschätzen, wie lange ich auf dem kalten Fliesenboden gelegen habe. 50 Stunden kriege ich keinen Bissen mehr runter. Bangladesch sucks pretty much! Das Hotelpersonal kümmert sich rührend um mich. Auch nachts spickeln die freundlichen Angestellten kurz in mein Zimmer und vergewissern sich, das ich noch unter den Lebenden weile J

Nur einmal wage ich mich noch aus dem Hotel, als es mir stundenweise etwas besser geht. Ich fahre nach Dhaka, weil es dort einen kleinen Gemüsemarkt direkt neben den Gleisen geben soll. Schon im Vorbeifahren erkenne ich die Marktstände. Der Zug fährt wenige Augenblicke später mit gedrosselter Geschwindigkeit durch einen Vorortbahnhof. „Hält der Zug in diesem Bahnhof?“, frage ich einen Mitreisenden. Als der den Kopf schüttelt, verabschiede ich mich höflich und springe kurz entschlossen aus dem fahrenden Zug. Die Landung gelingt und ich spare mir eine einstündige Taxifahrt vom Hauptbahnhof hierher. Von einer nahegelegenen Straßenbrücke kann ich das Geschehen im Slum an den Bahngleisen fotografieren, ohne ständig angestarrt oder angesprochen zu werden.

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Bangladesch ist ein tolles Land. Aber ich habe garantiert fünfzigmal die immer gleichen Fragen beantwortet.

  • Whats your country?
  • Are you muslim?
  • What’s your name?
  • What do you think about Bangladesh?

Aufgrund mangelnder Englischkenntnisse haben die vielen Gesprächsverläufe zuallermeist leider nicht an Tiefe gewonnen. Und so leid es mir tut, irgendwann habe ich keinen Bock mehr auf Smalltalks und Angestarrtwerden. Es mag paradox klingen, aber irgendwann habe ich angefangen, nicht mehr stehen- oder sitzenzubleiben. Wenn du immer in Bewegung bist, dann entgehst du zwar diesen Situationen, bist aber am Ende des Tages körperlich fix und alle.

Für die Rückfahrt nehme ich mir die Diesellokomotive vor. Als der Zug einfährt ergattere ich einen Logenplatz direkt auf der Rangierbühne oberhalb der Kupplung. In Windeseile brausen wir durch die nächtliche Hauptstadt. Der Fahrtwind bläst mir um die Ohren und die Mücken zerplatzen auf meiner Stirn. Jedes Mal wenn der Lokführer die Pfeife betätigt, fallen mir beinahe die Ohren ab. Die Finger in die Ohren stecken kann ich nicht – schließlich kralle ich mich mit beiden Händen an einer Eisenstange fest, um nicht vornüber zu fallen. Leicht benommen endet mein Abenteuer mit der Einfahrt in den fast schon heimatlichen Bahnhof von Tongi.

Die mehr als dreißigstündige Rückreise nach Deutschland ist natürlich eine Tortur. Klimahöllen auf Flughäfen und zwei Langstreckenflüge sind nicht gerade ein Vergnügen, wenn man unter Fieber und Durchfall leidet. Zu Hause bereite ich mich mental auf einen Aufenthalt in der tropenmedizinischen Abteilung vor. Ganz so schlimm kommt es zwar nicht, aber der Hausarzt diagnostiziert einen fiesen Noro-Virus bei mir und ordnet entsprechende Vorsichtsmaßnahmen an. Sehe ich von den Umständen einmal ab und lasse etwas Zeit für das Resümee verstreichen, so bleibt mir nur eines festzuhalten: Hello people of Bangladesh. I love your country!

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