Into the wild

Stockfinster ist es, als ich in einem Kleinbus über ukrainische Nebenstraßen flitze. Ein nervöser Blick auf die Uhr verschafft mir die Gewissheit, dass ich in Kürze das Städtchen Dolyna erreichen müsste. Der Fahrer bestätigt mir, dass ich hier mit dem Taxi nach Vyhoda weiterreisen kann. Eine mitreisende ältere Dame unterhält sich anscheinend mit dem Fahrer über meine Reisepläne. Beim Aussteigen schaut sie mich mit großen Augen an und murmelt: „Vyhoda, Jesus Maria!“. Ja, ein etwas verwegnes Reiseziel, denke ich mir, lächle freundlich und hülle mich in die Dunkelheit der nächtlichen Kleinstadt. Das Hotel Chance ist meine Wahl in Vyhoda. Eine Alternative gäbe es ohnehin nicht. Ein deftiges Abendessen und ein ukrainisches Bier füllen die Energiespeicher meines Körpers wieder auf. Und das tut auch Not, denn morgen habe ich ein anstrengendes Programm auf der Agenda: Eine Fahrt mit der letzten aktiven Waldeisenbahn Europas. Waldeisenbahnen dienten ausschließlich Forstzwecken und wurden dereinst zum Abtransport von Stammholz gebaut, wo es keine Straßen gab. Durch den Ausbau der Forstwege und die Verlagerung der Transporte auf Lkw wurden die Waldbahnen Osteuropas allerdings entbehrlich. Lediglich die um 1890 gebaute Bahn in Vyhoda verrichtet noch täglich ihren Dienst im Karpatengebirge. Nach meinen Recherchen gibt es einen einzigen Personenzug pro Woche, der Montagfrüh die Arbeiter tief in die Karpaten bringt. Der Haken an der Sache: Der Zug fährt auch erst am Freitagnachmittag wieder zurück, wenn die Arbeit erledigt ist. Wenn es also dumm läuft, dann muss ich die 25 Kilometer lange Strecke zu Fuß marschieren, denn in der Wildnis der Karpaten will ich nur ungern länger als nötig bleiben.

Es ist Montagmorgen um 6 Uhr und ich warte mutterseelenallein an einem Schmalspurgleis ohne Bahnsteig oder ähnlichen Einrichtungen, die einen Bahnhaltepunkt so ausmachen. Doch dann tauchen ukrainische Arbeiter in Holzfällermontur auf und gruppieren sich nach und nach um das unscheinbare Gleis. Pfeifend nähert sich der Arbeiterpersonenzug. Eine klapprige Diesellok, ein Personenwagen und viele Güterwagen, die mit Holzfällergerät beladen sind – so sieht meine Fuhre aus. Entschlossen besteige ich den Waggon. Die Arbeiter sind freundlich, einer spricht sogar etwas Deutsch und man gestattet mir ohne Diskussion die Mitfahrt.

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Einen Fahrschein benötige ich nicht – ist ja schließlich kein öffentlicher Personenzug. Dann geht die herbstliche Reise entlang des Flusses Mysunka los. Bereits nach einigen Kilometern stoppen wir auf freier Strecke, um eine Rotte von Streckenarbeitern samt ihrer Draisine abzusetzen. Ich wechsle vom Personenwagen auf einen offenen Güterwagen und mache es mir auf einem Ölfass gemütlich.

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Mit „Cabrio-Feeling“ dringen wir immer tiefer in die Karpaten vor. Das Tal wird enger und der Wald dichter. Die Schyrkowez-Sümpfe links und rechts der Strecke sind Teil eins Naturreservats. Hier – im letzten Urwald Europas – hausen auch Bären und Wölfe. Nach etwa zwei Stunden Fahrt erreichen wir den ersten Holzeinschlagsplatz. Ölfässer, die den Durst der monströsen Waldmaschinen löschen sollen, werden vom Zug geworfen.

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Die Männer, die hier absteigen, machen sich sofort an die Arbeit und verschwinden im Dickicht des Waldes.  Jeder Kilometer, den wir tiefer in den Urwald vordringen, wird auf dem Rückweg zur Belastung werden. Aber die Problemlösung nehme ich später in Angriff – jetzt ist erstmal genießen angesagt. Inmitten herrlicher Natur erreichen wir ein kleines Dorf mit einer Holzkirche. Ein Waldarbeiter schnappt sich eine Heugabel und lädt mehrere Garben auf den Zug. Ist wohl Futter fürs Vieh am Endpunkt der Strecke.

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Die Uhr zeigt bereits 12 Uhr Mittag als wir den Betriebsmittelpunkt Myndunok Solotwynskyj bei Kilometer 25 erreichen. Ich vertete mir etwas die Beine und dokumentiere die Waldarbeitersiedlung mit der Kamera, als plötzlich eine Draisine neben mir anhält. Die beiden Arbeiter signalisieren mir, dass ich aufspringen soll. Nur allzu gerne komme ich dieser Einladung nach – meine Rückfahrt in die Zivilisation findet also doch auf Schienen und nicht per pedes statt.

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Mit dem Schienenmoped rattern wir wie ein geölter Blitz durch enge Kurven und tiefe Einschnitte. Doch nach wenigen Kilometern ist erstmal Schluss. Die freundlichen Ukrainer sind schließlich nicht zum Spaß hier in der Wildnis. Eine Weiche muss repariert werden – und das bedeutet harte Arbeit. Nach Vollendung des Werkes werde ich nach Vyhoda zurück kutschiert gestikulieren mir die beiden. Während die freundlichen Karpatenmenschen sich also über die Weiche hermachen, spaziere ich in der Gegend rum und fotografiere das Geschehen.

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Ein Bolzen sitzt fest und so bricht Einer der Beiden auf, um einen Schweissbrenner zu organisieren. Eine geschlagene Stunde sitze ich mit dem anderen Ukrainer auf dem Schienenstrang und unterhalte mich angeregt. Er plappert Ukrainisch, ich Schwäbisch. Wir lachen viel und verstehen wenig voneinander. Dennoch ist unsere Unterhaltung kurzweilig und irgendwie spannend. Als die Gasbuddel angeliefert wird und es dem festsitzenden Bolzen ans Leder geht, greife ich zum Werkzeuggerät und lege Hand an. Mit dem Schraubenschlüssel ziehe ich die Schwellenschrauben nach, die mein Kapo gesetzt hat. Nach drei Stunden – es ist bereits später Nachmittag – ist die Weiche repariert.

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Ich zeige auf die Uhr und signalisiere, dass ich die restlichen 20 Kilometer gerne noch heute zurücklegen würde. Man hält Wort und wir drei Easy Rider schnäppern mit dem Schienenmoped ins nächste Dorf.

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Dort ist allerdings schon wieder eine Unterbrechung angesagt. Ein Sowjetmonster von Holzfällmaschine hat den Geist aufgegeben und erneut ist der Schweißbrenner gefragt. Während ich so das geschäftige Treiben beobachte, rumpelt überraschenderweise ein beladener Güterzug daher. Ich spreche mit den Arbeitern und schnell wird vereinbart, dass die Lokmannschaft mich nach Vyhoda zurück bringen wird. Erleichtert klettere ich ins Führerhaus und die Fahrt in die Freiheit beginnt. Die beiden Lokführer haben reichlich Bier für die lange Strecke eingepackt und so machen wir es uns im warmen Führerstand gemütlich.

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Die Sonne steht nur noch eine Handbreit über dem Horizont, als sich das Flusstal allmählich weitet und der Wald lichter wird. Am Horizont erblicke ich die Lichter des riesigen Sägewerks von Vyhoda. Auf einem Holzviadukt überqueren wir ein letztes Mal den Fluss Mysunka und dann ist der Ausgangspunkt erreicht. Wir schütteln uns zum Abschied die Hände, ehe ich von der fahrenden Lok springe. Ein aufregender Tag geht zu Ende und ich sehne ein frisch gezapftes Bier und ein deftiges Abendessen in der Gaststube des Hotels Chance herbei.

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