Marokko – quick and dirty

Wenige Wochen vor Sylvester wird der Plan gefasst, den Jahreswechsel in der Ferne zu verbringen. Was anfänglich nach einer tollen Idee klingt, schlägt schon bald in einen wochenlangen Planungsalptraum um. Entweder sind die Flüge zu teuer, das Klima zu rau oder die Sicherheitslage instabil. Irgendwann ist nur noch Marokko im Rennen. Sylvester in Marrakech soll – nein muss – es also sein. Nur wie hinkommen? Die Flüge sind alle jenseits der 400 Euro Schallmauer angesiedelt. Doch Fernweh macht erfinderisch und so findet sich letztlich eine zeitlich aufwändige – aber finanziell günstige – Alternative mit dem für Süddeutsche ungewöhnlichen Abflughafen Frankfurt Hahn und einer ganztägigen Bahnfahrt durch Marokko von Fes nach Marrakech. Der aufregendste Moment der Vorfreude ist stets der Klick auf den Button „Jetzt Buchen“. Geil, es geht mal wieder los! Nach dem Flug nur noch schnell das vorausgewählte Riad Fantasia für Sylvester buchen und schon kann das Kofferpacken losgehen… Doch au weh! Die Euphorie ist schnell verflogen, als sich herausstellt, dass Bernd das falsche Hotel gebucht hat. Statt dem gediegenen „Riad Fantasia“ steht nun ein Rattenloch namens „Hotel Riad Fantasia“ in der Buchungsbestätigung. Die Tränen kullern bei Lena und der ganze Planungsstress entlädt sich in einer kleinen Ehestreitigkeit. Eine Stornierung ist nicht mehr möglich und so kloppen wir die 80 Euro teure Buchung in die Tonne und reservieren die richtige Unterkunft.

Die Wohnungstür fällt krachend ins Schloss . Bevor wir die erste Seite des orientalischen Märchens aus 1000 und 1 Nacht aufschlagen dürfen, wartet allerdings eine anstrengende Reise auf uns. Wir überspringen das mal an dieser Stelle und spulen 32 Stunden vor: Langsam fährt der Schnellzug aus Fes in den imposanten Bahnhof von Marrakesch ein. In Anbetracht der vielen Reisenden wird uns klar, warum die Unterkünfte so gut wie ausgebucht sind. Langsam bewegen wir uns im Strom der marokkanischen Touristen auf den von Laternen illuminierten Bahnhofsvorplatz. Die Verhandlungen mit den Taxifahrern gestalten sich äußerst zäh und so entscheiden wir uns für ein günstigeres Sammeltaxi, was sich jedoch als fataler Fehler herausstellen sollte. Der ahnungslose Fahrer lässt uns nämlich prompt an der völlig falschen Ecke raus und so nimmt das Chaos seinen Lauf. Wer kennt aus seiner Kindheit noch das Gesellschaftsspiel „Das verrückte Labyrinth“? Da stehen wir nun wie die Halmakegel auf einem riesigen Spielbrett. Links und rechts meterhohe Hauswände und dazwischen zahlreiche verwinkelte und verzweigte Gassen, deren Dunkelheit uns zu verschlucken droht. Mit unseren Rollenkoffern holpern wir orientierungslos und unbeholfen wie Pauschaltouristen über das Kopfsteinpflaster. Stop! Ja, es ist wahr – dem aufmerksamen Leser ist nicht entgangen, dass wir tatsächlich mit Koffer statt Rucksack unterwegs sind. Was zunächst wie ein Tabubruch klingt, ist lediglich der Tatsache geschuldet, dass wir kostenbewusst nur mit Handgepäck durch die Gegend reisen. Zurück zu unserer misslichen Lage: Auch nach einer halben Stunde haben wir den richtigen Abzweig noch nicht gefunden und so bleibt uns nichts anderes übrig, als uns in die Fänge der Wegelagerer zu begeben. Die jungen Männer, die an den Ecken herumlungern, zeigen uns natürlich herzlich gerne den Weg ins Riad – gegen Barzahlung versteht sich. Wir einigen uns auf einen Preis von umgerechnet fünf Euro. Angesichts der fortgeschrittenen Stunde und der strapaziösen Reise kratzt uns diese dreiste Abzocke dann doch nicht mehr. Doch, kaum am Ziel angekommen, schnellt der Puls abrupt in die Höhe. Wir stehen – man ahnt es schon – vor dem „Hotel Riad Fantasia“, dessen Buchung wir nur wenige Stunden zuvor storniert hatten. Es ist zum Kotzen. Der dubiose Fremdenführer hat uns ins falsche Riad geschleppt, um eine Provision zu kassieren. Aber es kommt noch dicker. Als wir auf der Türschwelle umkehren beschimpft uns der Hotelbesitzer und fordert uns auf, gefälligst einzuchecken. Ohne unsere Namen zu kennen, behauptet er, dass wir verbindlich reserviert hätten. Jetzt reichts! Wortgewaltig machen wir einen Abgang und schütteln die Schlepper ab. Natürlich kommen wir nicht umhin, an der nächsten Ecke einen anderen Söldner zu beauftragen. Der bringt uns letztlich an die richtige Türe (auch wenn er absichtlich im Kreis geht, um den Preis nach oben zu treiben). Wir sind zu müde, um uns erneut zu ärgern und fallen erleichtert in die weichen Federn. Nur der knurrende Magen zwingt uns nochmals an die frische Luft. Den Weg zum Nachtmarkt auf dem „Djemaa el Fna“ prägen wir uns gut ein. Dann – endlich – entfaltet sich der Zauber von Tausend und Einer Nacht. Die zahlreichen Garküchen verströmen einen Duft von gegrilltem Fleisch, dass uns das Wasser im Munde zusammenläuft. Unter freiem Himmel erleuchten hunderte von Kerzen und Lampions den riesigen Platz. Endlich sind wir angekommen. Ein orientalisches Grillgericht weckt die Lebensgeister und so schöpfen wir neue Kraft und tanken endlich Reiselust.

Garküchen auf dem großen Platz in Marrakech
Garküchen auf dem großen Platz in Marrakech

Neuer Tag – neues Glück. Die wärmende Sonne bringt uns schnell auf Betriebstemperatur und so steigt die Entdeckerlust. Die Souks sind der ideale Ausgangspunkt, um in den orientalischen Wirrwarr einzutauchen. Die anfänglichen Orientierungsschwierigkeiten sind längst überwunden. Prägt man sich einige Fixpunkte gut ein, dann kann sich der Reisende unbeschwert durch die engen und kühlen Gassen navigieren. Immer wieder drängeln Fahrräder oder Mopeds durch das Menschengewirr und zwingen zu blitzschnellen Ausweichmanövern. Handwerkskunst, Gewürze, Kleidung und dergleichen wird in hunderten von Läden angeboten. Es ist im Winter fast schon ein bisschen zu kühl in den immer schattigen Gängen, die im Hochsommer garantiert eine Wohltat darstellen. Wir dringen tiefer und tiefer in die Souks ein, bis schon bald keine ausländischen Touristen mehr zu sehen sind. Hier geht das Leben, abseits des Trubels, seinen gemächlichen Gang. Werkstätten und Lebensmittelläden säumen unseren Pfad. Das Mittagessen erweist sich jedoch auch in dieser Umgebung schnell als Nervenkrieg. Die Imbissbetreiber sind zunächst überaus freundlich und bedienen uns zuvorkommend. Allerdings werden mit der Zeit Gerichte aufgetischt, die wir gar nicht bestellt haben. Auf unserem Tisch finden sich Tellerchen und Schüsselchen so zahlreich ein, dass eine ganze Familie davon satt werden könnte. Wir schöpfen Verdacht und verweigern die Verkostung nicht bestellter Gerichte. Am Ende folgt die Rechnung über unverschämte dreißig Euro und ein raues Wortgefecht. Die Männer geraten aneinander und wir werden mit den Fäusten bedroht. Die gastfreundliche Atmosphäre ist verpufft. Wir stehen alleine gegen immer zahlreicher werdende arabische Männer. Angesichts der Bedrohungslage bleibt uns nur die Möglichkeit, die Zeche wütend auf den Tisch zu knallen und lauthals fluchend von dannen zu ziehen. So hatten wir uns den „Zauber aus 1000 und 1 Nacht“ nicht vorgestellt.

 

Souks von Marrakech
Souks von Marrakech

Der Djemma el Fna kommt unseren Vorstellungen vom Orient schon deutlich näher. Von der Dachterasse eines Cafes lässt sich das kunterbunte Treiben in aller Ruhe beobachten. Händler, Wahrsagerinnen, Henna Tätowiererinnen und Süßigkeitenverkäufer gehen ihren Geschäften nach. Es riecht nach Holzkohle und gebratenem Fleisch. Die Geräuschkulisse wird von den zahlreichen Schlangenbeschwörern dominiert, die ihre Cobras in Trance flöten und auf ahnungslose Touristen warten. Als erfahrener Reisender kennt man gewiss die goldene Regel, dass der Preis für ein Foto immer im Voraus verhandelt wird. Amüsiert beobachten wir die Falle für gutgläubige Touristen aus der Ferne. Erst werden die Kameras gezückt und freudestrahlende Gesichter geknipst. Dann entgleisen die Gesichtszüge, als die Preisforderung geäußert wird. Abermals können wir beobachten, wie die Umzingelung durch befreundete Schlangenbeschwörer der Forderung Ausdruck verleiht und wie bedingungslos die Scheine den Besitzer wechseln. Auf der einen Seite sind wir ein bisschen schadenfroh und vergessen unseren eigenen Ärger, andererseits rücken unsere Erfahrungen die arabischen Marokkaner nicht gerade in ein gutes Licht und schaffen Distanz.

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Überhaupt wird der Mythos „1000 und 1 Nacht“ von den Reiseveranstaltern als Werbebotschaft inflationär für Marrakesch bemüht. In unseren Augen versprüht die Stadt kaum orientalisches Flair und hat das Prädikat nur mit Ach und Krach verdient. So organisieren wir spontan einen Mietwagen ab dem Neujahrstag und verbringen einen letzten Abend in Marrakesch. Sylvester feiern wir in unserem Riad in angenehmer Gesellschaft von Reisenden und Einheimischen. Die erste Tajine (nordafrikanisches Gargericht aus dem Tongefäß) schmeckt großartig und es wird sogar ein Glas Rotwein kredenzt. Punkt Mitternacht versammeln sich die Angestellten auf der Veranda und lassen extra für uns Touris ein Knallbonbon krachen. Böller oder Feuerwerk gibt es in der ganzen Stadt nicht. Völlig nüchtern, aber dennoch erheitert, ziehen wir uns schon bald nach Mitternacht in unser Schlafgemach zurück.

In Richtung Atlasgebirge verlassen wir die geschäftige Stadt und schon bald finden wir uns in der Einsamkeit und Kargheit der marokkanischen Landschaft wieder. Der Kleinwagen schnauft, als wir Kilometer für Kilometer und Serpentine für Serpentine an Höhe gewinnen. Schließlich erreichen wir auf dem Tizi n‘ Tichka-Pass den Scheitelpunkt des Hohen Atlas. Hier ist Marokko irgendwie authentischer. Staubige Straßen, karge Landschaften, Kasbahs und Lehmhäuser so weit das Auge reicht, Esel transportieren Feuerholz – so haben wir uns Marokko vorgestellt. Bei Telouet trinken wir unseren ersten Berber Whiskey (Tee) und machen Bekanntschaft mit den freundlichen Menschen. Zwischen den zahlreichen Fotostopps liegen nur kurze Distanzen. Die Landschaft und die Lehmdörfer üben große Faszination aus. Die Lehmstadt Aid-Ben-Haddou, die Todraschlucht und die Dadesschlucht sind Ausflugsziele die wir gerne während unseres zweitägigen Roadtrips besuchen und bewundern.

Berberdorf im Atlasgebirge
Berberdorf im Atlasgebirge

Das eigentliche Ziel unserer laaaaaangen Fahrt ist jedoch die Wüste Erg Chebbi bei Merzouga. In den Abendstunden des fünften Urlaubstags erreichen wir endlich den Wüstensand. Die Sonne verschwindet gerade über den Bergen am Horizont und am Straßenrand erblicken wir unser erstes Kamel (ja, wir wissen, dass es eigentlich Dromedare sind). Um den Schleppern zu entkommen, die sich beinahe vor unser Auto werfen, verschwinden wir schnell wieder aus Merzouga und folgen einer dunklen Schotterstraße in Richtung Wüstenrand. Das Hotel unserer Wahl erweist sich als Volltreffer. Erst im Morgenlicht bemerken wir den feinen Sand, der direkt hinter dem Bungalow beginnt und sich zu riesigen Dünen aufhäuft. Der erste Spaziergang ist eine Wonne. Es entstehen unzählige Fotos vom endlosen Wüstenmeer im gleißenden Sonnenlicht. Endlos ist der Blick natürlich nicht in die Gegenrichtung zur Ortschaft Merzouga und schon gar nicht auf dem Satellitenfoto. Erg Chebbi ist nur ein Pups im Vergleich zur benachbarten Sahara. Doch wen interessiert’s? Wüste ist Wüste, da müssen wir schon angesichts unseres knappen Zeitbudgets drauf bestehen! Und so wandern wir einige hundert Meter in den Dünen herum, blenden die rückwärtige Perspektive aus, und richten den Blick konsequent auf den endlosen Horizont über dem Meer aus Sand. Keine gute Idee war es hingegen die Straßenschuhe anzubehalten. Der feinkörnige Wüstensand sollte noch monatelang aus den Latschen rieseln.

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Den Tag über liegen wir am Pool und genießen die Sonne und erholen uns von den Reisestrapazen. Lena nennt diese kurzen Verschnaufpausen immer mit sarkastischem Unterton „Stundenurlaub“. In der goldenen Abendsonne satteln wir schließlich die Kamele (jaja – Dromedare) und reiten in die Dünen. Die tief stehende Sonne sorgt für ein sensationelles Büchsenlicht und so entstehen zahlreiche Fotos mit dem roten Sand und dem Schatten der Kamele. Nach wenigen hundert Metern ist die nahe Stadt verschwunden und es fühlt sich so an, als würde unsere kleine Karawane zu einer mehrtägigen Wüstendurchquerung ansetzen. Nach einer Stunde ist das Nachtlager erreicht. Tief eingeschnitten zwischen den Dünen steht unser Bedouinenzelt völlig abgeschottet vom Rest der Welt. Unser Guide beginnt mit der Zubereitung des Abendessens und wir spielen noch etwas mit den Kamelen. Der dreijährige Bulle „Philipp“ ist ein lustiger Kerl, besonders wenn er komische Geräusche von sich gibt. Wir haben noch nie Kamelgebrüll gehört und lachen uns darüber schlapp. Es klingt nach einer Mischung aus Geblubber und Hirschröhren, wenn Philipp sich artikuliert. Zum Sonnenuntergang erklimmen wir die Hausdüne. Vor unseren entzückten Augen breitet sich eine Kulisse aus, die wir mit Worten nicht zu beschreiben vermögen. Wir sitzen auf einer Wolldecke und starren wortlos auf die pure Schönheit die sich vor uns ausbreitet. Das Licht, welches die Sonne auf den Sand zaubert, ist so weich und stimmungsvoll, dass es selbst unsere kühnsten Vorstellungen übertrifft. Im Lager ist der Tee bereits fertig und ein Lagerfeuer knistert. Der Sand ist schon nach Anbruch der Dämmerung erkühlt und die Temperatur fällt rapide ab. Am wärmenden Feuer genießen wir Tajime und Tee und lauschen den Klängen von Philipp und Bongo-Trommel. Als die Nacht hereinbricht richtet sich der Blick unweigerlich gen Himmelsfirmament. Die Sterne funkeln tausendfach in einer bis dato unbekannten Intensität. Als die Wüste schläft ist kein Geräusch mehr auszumachen. Keine Blätter, die im Wind rascheln, keine Stimmen und kein Verkehrslärm. Nur dieser atemberaubende Sternenhimmel und wir. Was wir hier erleben ist der Inbegriff eines romantischen Diners. Ein „Magic Moment“ der uns für immer unvergessen bleiben wird.

Die Nacht ist zwar richtig kalt – aber in decke Decken eingemümmelt – durchaus erträglich. Durch das Zeltdach blitzen die Sterne hindurch und derart romantisiert fallen wir in einen tiefen Schlaf. Pünktlich zum Sonnenaufgang ruft die Düne. Schnell taut die aufgehende Sonne die kalten Gliedmaßen auf. Schöner kann ein letzter Urlaubstag nicht beginnen. Nach dem leckeren Frühstück nimmt die Privatkarawane Kurs auf den Mietwagen. Vor uns liegen 500 anstrengende Kilometer bis Fes. Die Sonne scheint nicht nur über der Wüste sondern uns auch aus dem Arsch.

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Wüstencamp
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Sahara
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Phillip das Kamel…ähhh Dromedar

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