The world is not enough

Nach zwei Wochen:
Wir erleben in den ersten Tagen und Wochen viele Glücksmomente der Wiedersehensfreude und es tut verdammt gut, vertraute und geliebte Menschen an unserer Seite zu spüren. Andererseits sind das auch Stressmomente, denn wir haben uns über die Weihnachtsfeiertage viel zu viel Programm aufgehalst. Fast schon hätten wir einen Agenten zur Koordination unserer Termine über die Weihnachtsfeiertage beauftragen müssen. Zwölf (!) Tage und Abende hintereinander erleben wir das volle Festprogramm mit Familie und Freunden. Wir führen ein Leben zwischen Gänsebraten, Rotwein und Hangover. Ständig stehen wir im Mittelpunkt und permanent müssen wir die ewig gleiche Frage nach dem schönsten Ort der Welt beantworten. Das kann auf Dauer ganz schön anstrengend werden, denn schließlich waren wir siebzehn Monate größtenteils auf uns alleine gestellt und nur von fremden Menschen umgeben.
„Zwei Wochen danach“ fühlt sich (noch) gut an. Schön, wieder zu Hause zu sein!

Nach zwei Monaten:
Im Januar und Februar finden wir dann endlich etwas Zeit für uns. Doch das Wetter ist mies, denn es regnet permanent und der Himmel bleibt von einem Dauergrau bedeckt. Keine Spur von Winterzauber. Also verkriechen wir uns unter der Bettdecke und widmen uns der Organisation des „Lebens danach“. Die ToDo-Liste ist ellenlang und wird angeführt von Punkten wie „Wohnung suchen, Bewerbung schreiben, Auto kaufen“ etc.

Das Leben zu Hause ist komfortabel, keine Frage!. „Hotel Mama bzw. Papa“ kümmert sich rührend um seine Gäste und es fehlt uns an nichts. Der Zeiger der Waage bewegt sich jedoch von Woche zu Woche ein Stück weiter nach rechts. Wir sind wieder im Schlaraffenland – mit all seinen Nebenwirkungen.

Doch immer öfter finden wir uns am Rande eines Abgrunds wieder, einem tiefen Loch, in das wir unter keinen Umständen fallen wollen. Ein Absturz würde schwerwiegende Folgen wie Antriebslosigkeit, Sentimentalität und Wehmut auslösen. Wir würden den Sinn des Lebens hinterfragen müssen und ständig darüber jammern, wie schnell doch die schöne Zeit verronnen ist. Wir haben dieses Loch bislang umgehen können, aber es ist schon ein furchteinflößender Krater, der sich da auftut. So ist es bislang eine gute Taktik, sich den „Härten“ des Alltags zu stellen, statt davonzulaufen: Büro statt Karibikträume, Salamibrot statt Thaicurry, Regenschirm statt Sonnencreme…

Als mental gefährlich müssen in dieser Zeitspanne allerdings Reisereportagen im Fernsehen eingestuft werden. Schnell weiterzappen, wenn Traumstrände auf der Mattscheibe flimmern, denn es besteht akute Fernwehgefahr und immer öfter ertappen wir uns bei der gedanklichen Planung der nächsten Urlaubsreise.
Da tut es gut zu wissen, dass wir mit unseren sentimentalen Gedanken nicht alleine sind. Ein Leser unseres Reiseblogs beklagt sich schriftlich, dass wir mit unserer Rückkehr seinen Alltag durcheinandergebracht hätten, denn der Blog sei schließlich ein ritueller Bestandteil seines Tagesablaufs gewesen.
„Zwei Monate danach“ sind sehr gefährlich. Hätten wir gewusst, dass Heimkommen so verdammt viel schwerer als Abhauen ist, dann wären wir vermutlich nie hinaus in die Welt gezogen. Bereits nach zwei Monaten kommt es uns so vor, als hätten wir die Weltreise in einem anderen Leben unternommen.

Nach fünf Monaten:
Wir sind auf Entzug. Entzug von der Droge „Reise“, dem Stoff, der das Bewusstsein erweitert, der die Realität verschiebt und der literweise Endorphine freisetzt. Das neue Leben ist gut. Wir genießen die Zeit mit Familie und Freunden, schlemmen uns durch die deutsche Küche und nisten uns in der neuen Wohnung ein.
Dennoch stellt uns der verdammte Alltag auf eine harte Probe. Auf den dunkelsten Winter seit Jahrzehnten folgt der kälteste Frühling seit Jahrzehnten. Grauer Büroalltag bzw. nervige Jobsuche, mieses Wetter und Orgastress. Kein Wunder, dass wir in Gedanken schon wieder den Rucksack packen. Und dann eines Tages im April kommt der Rückfall. Wir erstehen ein günstiges Flugticket nach Sir Lanka und treten die Flucht an. Kopfschütteln bei Familie und Freunden. Die spinnen doch die zwei.

Angenehme 28 Grad Außentemperatur. Preisverhandlungen mit dem Tuk-Tuk Fahrer. Der Monsunregen klattscht vom Himmel. Eine miese Bruchbude direkt am Strand gefunden. Das Meer rauscht. Die Palmen wedeln im Wind. Das Salz kristallisiert auf der Haut. Haben wir die Weltreise wirklich hinter uns gelassen? Die letzten fünf Monate sind wie weggeblasen. Wir sind wieder daheim. Daheim in der Ferne, unserem Zweitwohnsitz.

„Fünf Monate danach“ setzt sich die Erkenntnis durch: Nach der Reise ist vor der Reise.

Ein Gedanke zu „The world is not enough

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