Sonntagsausflug mit der Familie

Garut ist der Ausgangspunkt für Touren zum aktiven Vulkan Papandayan. Da unser Hotelpersonal kein Wort Englisch spricht und auch dem Internet nur sehr vage Informationen zu entlocken sind, machen wir uns am nächsten Morgen auf den Weg zur Touristinfo.
Jedoch nicht ohne zuvor ein landestypisches Frühstück für Hotelanlagen einzunehmen:

Die Adresse die wir finden war wohl in grauer Vorzeit mal eine Anlaufstelle für gestrandete Touristen, jedenfalls macht man uns dort verständlich, dass das Touristenbüro einige Kilometer weiter gezogen sei. Ein freundlicher Mann bringt uns zu einem Minibus und erläutert dem Fahrer, wo wir hinwollen. Da wir mehrmals umsteigen müssen, funktioniert der Transfer nach dem Prinzip der „Stillen Post“: Der eine Fahrer flüstert dem anderen Fahrer was ins Ohr und wenn alle Minibusfahrer richtig zuhören, stehen wir am Ende vor der Touristinfo. So ist es dann auch tatsächlich, allerdings entpuppt sich der vermeintliche Infopunkt als „Regierungsbüro für Kunst, Kultur und Tourismus“. Wir finden aber tatsächlich jemanden, der uns in gebrochenem Englisch weiterhelfen kann. Als wir unsere Pläne offenbaren, den Vulkan Papandayan besteigen zu wollen, greift unser Gegenüber zum Handy und ruft Mister Budhi an. Der scheint der Mann fürs Grobe zu sein und in fließendem Englisch vereinbaren wir ein Treffen in unserem Hotel für den späten Nachmittag. 

Sehr zuvorkommend und überaus höflich werden wir behandelt – und mit der „Stillen Post“ geht es wieder problemlos nach Hause. Kinder zeigen uns mit dem Finger hinterher und wir müssen noch für ein Gruppenfoto mit einem Bauarbeitertrupp herhalten. Kommt wohl selten ein Tourist hier vorbei… 

Den Nachmittag nehmen wir uns nichts vor, lesen und chillen im Hotel, bis tatsächlich Budhi vor der Türe steht. Schnell wird ein Ausflugspaket für den nächsten Tag geschnürt und Budhi verabschiedet sich mit dem Versprechen im Gepäck, alles nach unseren Wünschen zu organisieren. Er lädt uns sogar ein, bei seiner Familie zu wohnen und zu essen.

Genauso pünktlich wie die indonesische Eisenbahn (kein Scherz!) holt Budhi uns morgens am Hotel ab. Er hat seinen Nachbarn samt Auto für den Transport gechartert – und im Kofferraum sitzt noch Nachbars‘ Opa, damit der auch mal an die frische Luft kommt… Unterwegs sammeln wir dann noch den Ranger Dani ein. Vier Guides für zwei Touristen, das scheint ein familiärer Trip zu werden. Die Piste hoch zum Papandayan ist steil und löchrig – der Hauptgrund, warum sich kaum ausländische Touristen in diese Gegend verirren. Irgendwann macht Nachbars‘ Mitsubishi schlapp und wir müssen den letzten Kilometer bis zum Parkplatz zu Fuß zurücklegen. Wir gehen nur mit Dani weiter, der Rest der Truppe kümmert sich um den liegengebliebenen Minibus. 

Dani hat in seinen leidenschaftlichen Erzählungen nicht übertrieben, als wir den Ersten von insgesamt 25 Kratern des Papandayan erreichen. Der Boden ist heiß und der beissende Schwefeldampf brennt in den Augen und der Lunge. Es zischt, kocht, blubbert und brodelt an jeder Ecke. „Jetzt dicht beisammen bleiben“, weist uns Dani an, bevor wir im Slalom dampfenden Geysiren, stinkenden Schwefellöchern und heissen Quellen auf einem Trampelpfad ausweichen, den wir nicht mal zu sehen vermocht hätten. Der Boden ist weich und gibt an vielen Stellen dem Tritt unserer Schuhsohlen nach.

Bloß nicht ausrutschen, inmitten dieser unheimlichen und gewaltigen Naturerscheinung… 

 

Von den Schwefellöchern des „Golden Crater“ machen wir uns auf den Weg zum „Neuen Kratersee“, der erst 2002 nach einem verheerenden Ausbruch des Papandayan entstanden ist. Der Anblick des grünen Wassers und der riesigen Schwefelsäule im Hintergrund ist atemberaubend. Bernd stürzt sich – mit Unterhose bekleidet – in den giftgrünen Teich und planscht ein wenig in der stinkenden Suppe, was zuvor vom Guide als unbedenklich eingestuft wurde. Im Hintergrund türmen sich die Schwefeldämpfe hundert Meter hoch und das grüne Wasser stinkt wie ein fehlgeschlagenes Experiment im Chemieunterricht – an Surrealität kaum noch zu überbieten.

Überwältigt von der Machtdemonstration Mutter Erdes‘ erreichen wir nach zweieinhalb Stunden erschöpft aber sehr glücklich den Ausgangspunkt. Nachbars‘ Opa hat zwischenzeitlich ein Bad im Fluss genommen und der Mitsubishi hat es auch noch den Berg hinauf geschafft, nachdem der Motor eine Stunde abgekühlt hatte.

Budhi zeigt uns die Schönheit seiner Heimat und so „fahren wir noch etwas mit der Kirche ums Dorf“ bis wir nachmittags bei ihm zu Hause ankommen. Seine Frau Isis hat bereits ein leckeres Essen – bestehend aus Reis, Nudeln, Gemüse und Tofu – zubereitet, welches wir uns auf einer ausgebreiteten Decke auf dem Fußboden schmecken lassen.

Budhi, der sich sein Englisch autodidaktisch mit dem Wörterbuch beigebracht hat, führt uns anschließend in seinem Dorf herum, bis wir vor der privaten Englischschule seiner Freundin Lie stehen. Überfreundlich werden wir empfangen und natürlich müssen wir – wenn schon mal Touristen ins Dorf kommen – gleich mit den Schülern Englischkonversation üben. Lie verschwindet nach draußen, um uns eine Tasse Tee zu kochen und wir übernehmen fröhlich die Lehrerrolle und stellen uns den vielen Fragen der Kinder. Nach Unterrichtende sitzen wir bei Lie im Wohnzimmer, die gerne noch ein Stündchen mit uns auf Englisch plaudern will. Wir reden über das Leben in Indonesien, Bildung und Religion. Lie ist eine fromme Muslima und als der Muezin zum Gebet ruft, entschuldigt sie sich für fünf Minuten. Überhaupt ist das Leben der Muslime sehr vom Glauben geprägt. Fünfmal täglich wird gebetet. Der erste Gebetsaufruf erfolgt lautstark morgens gegen 04:30 Uhr, wie wir schon mehrfach schmerzlich erfahren durften.

Schnell landen wir im nächsten Wohnzimmer, diesmal im Nachbarhaus. Es folgt ein Blitzlichtgewitter, abwechselnd sitzt mal die Oma, mal die Mama, mal die Tante neben uns auf dem Sofa.

Die Männer hängen währenddessen auf der Veranda rum, spielen Domino und rauchen (so geht das jeden Abend). 

 

Spätabends machen wir uns bettfertig. Eine Dusche gibt es nicht, mit der Schöpfkelle schüttet man sich das Wasser über den Kopf. Wir ziehen den Vorhang unseres Schlafgemachs zu und lauschen noch dem Stimmengewirr auf der Veranda. Es sollte einer der ereignisreichsten Tage unserer Weltreise gewesen sein…

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