Im Sommer ein Jahr

Ein Jahr unterwegs, wo ist die Zeit geblieben?
Wenn wir eines während dieser Reise im Überfluss haben, dann ist es Zeit! Kein Job, keine Verpflichtungen, keinen Masterplan, kein Zuhause. Dafür alle Zeit der Welt. Zeit nichts zu tun, Zeit Abenteuer zu bestehen, Zeit zu warten, Zeit zu reisen, Zeit zu genießen, Zeit zum träumen, Zeit zu verschwenden. Doch wo ist sie hin, die viele Zeit? Tickt die Uhr auf Reisen langsamer oder schneller als im Alltag? Kommt es am Ende überhaupt darauf an, wo die Zeit geblieben ist? Ist es nicht viel wesentlicher, sich darauf zu besinnen, dass „Zeit zu haben“ ein Privileg ist, dass sich in unserer Gesellschaft nur wenige leisten können und jeder Moment kostbar ist.

Ein Jahr unterwegs, kann man da noch jeden Tag genießen?
Wir haben die meisten davon gesehen – jene mystischen Orte, die unser Fernweh genährt und uns dazu veranlasst haben, in die Welt aufzubrechen. Entmystifiziert, erlebt und auf der Festplatte digitalisiert – weiter zum nächsten Spot. Kann man Höhepunkte überhaupt noch genießen? Wird das Unglaubliche, Aufregende und Abenteuerliche nicht irgendwann alltäglich? Wie viele Tempel, Wasserfälle, Strände, Reisfelder und Vulkane kann man sich reinziehen, bevor die Sinne überreizt sind und Langeweile aufkommt?

Ein schwieriger Punkt. Tatsächlich lassen sich nach einem Jahr nun häufiger Sättigungstendenzen feststellen. Die Tage, an denen wir uns im Hotelzimmer verkriechen oder am Pool liegen bleiben, werden häufiger. Sightseeing fällt heute mangels Elan flach. Es ist eben ähnlich wie im Alltag. Nach einer stressigen Arbeitswoche sehnt man sich nach einem Pausentag, um genüsslich auf dem Sofa zu lümmeln. Und glaubt uns eines: Reisen ist oft Stress pur. Der Weg ist nämlich in erster Linie nicht das Ziel, sondern nur Mittel zum Zweck. Stundenlange Fahrten über holprige Straßen in vollgestopften Minibussen, quälend langsame Züge, die grundsätzlich mit stundenlanger Verspätung am Zielbahnhof eintreffen und nervenaufreibende Preisverhandlungen mit der Taxi- und TukTuk-Mafia sind nicht vergnügungssteuerpflichtig. Dazu die beinahe tägliche Suche nach einem neuen Dach über dem Kopf, das ewige „ich-packe-meinen-Rucksack-Spiel“ und stundenlange Reiserecherchen – Weltreisen ist in der Realität weit aus weniger romantisch als sich viele das vom heimeligen Sofa aus vorstellen.

Dennoch, es gibt sie, diese magischen Augenblicke und Orte, die uns so in ihren Bann ziehen und fesseln, so dass wir glückselig sagen können: Ja, jeder gottverdammte Kilometer dieser anstrengenden Reise war es wert. Lebe den Augenblick – ein Motto, dass wir uns täglich zu Herzen nehmen. Nicht jeder Tag muss einen Höhepunkt aufweisen. Gemeinsam Zeit verbringen, reflektieren, entspannen – das ist es was wirklich zählt.

Ein Jahr unterwegs, noch kein Loch im Sparstrumpf?
Eine gewisse Leere in der Kasse hat die Reise schon hinterlassen. Weil wir uns für jedes Land ein Tagesbudget gesetzt haben – und das meistens sogar noch unterbieten – kommen wir aber gut zurecht. Natürlich muss man sich das Ein oder Andere verkneifen, aber wir hatten noch nie das Gefühl dass wir irgendwo irgendwas verpassen würden. Man kann sich natürlich täglich am Pool, mit dem Cocktail in der Hand, eine Stunde von einer Thai massieren lassen – muss es aber nicht zwingend.

Ein Jahr unterwegs, verstehen wir uns noch?

Die Weltreise hat unserer Beziehung nicht geschadet – ganz im Gegenteil. Man hört ja oft von streitenden Paaren oder gescheiterten Beziehungen im Zusammenhang mit einer Urlaubsreise. Nicht so bei uns. Wir schätzen uns mehr denn je und das, obwohl wir kaum Freiräume haben, uns nicht in Überstunden flüchten oder tageweise getrenntes Programm machen können. Statt um den Abwasch streiten wir halt darüber, ob die Klimaanlage angemacht werden soll oder nicht (Bernd mag es gerne kühlschrankkalt, Lena braucht es saunawarm).

Ein Jahr unterwegs, was für Menschen sind wir begegnet?
Am Frühstücksbuffet, am Fahrkartenschalter, an der Hotelrezeption, am Marktstand, im Bus, beim Nachmittagskaffe, an der Grenze, bei der Mopedtour, im Restaurant – überall treffen wir auf fremde Menschen. Große, Kleine, Weitgereiste, Einheimische, Englischsprechende oder die mit „Hände-und-Füßen-Typen“, Familienmenschen oder Single, Mann oder Frau – jeder ist einzigartig und grundverschieden. Manche mag man auf Anhieb, Anderen geht man lieber aus dem Weg. Man hört interessante, mitreißende, lustige, manchmal aber auch traurige Geschichten. Jeder Mensch ist anders und doch haben wir eines gemeinsam: Unser Lächeln, denn damit wird häufig jedes Problem gelöst. Es funktioniert wirklich!

Ein Jahr unterwegs, wollen wir überhaupt noch zurück?
Eindeutig JA, auch wenn wir noch lange nicht genug vom Reisen haben. Der Tag der Rückkehr wird kommen und wir freuen uns schon jetzt darauf. Wir wussten es vorher schon insgeheim, aber nun haben wir die Bestätigung: Daheim ist es einfach am schönsten! Das ist wie in der Janosch Geschichte „Oh wie schön ist Panama“…

Eine Existenz als Auswanderer konnten und können wir uns nicht vorstellen. Die Länder, die wir kennenlernen durften sind auf ihre Art ganz speziell und wunderbar. Aber dort leben? Nein danke!

Ein Jahr unterwegs, was vermissen wir am meisten?
Familie, Freunde und Kollegen, Leberkäswecken, Ravensburg, funktionierende Salzstreuer, Kontobewegungen mit Plus als Vorzeichen, Linsen-Spätzle-Saiten, Rutenfest, Handtaschen und Schuhe zur Auswahl, Bau-Halbe, Mädchentratsch und Männerabende, Kuhglocken, deutsches Brot und Mamas Hefezopf, apropos Hefe –> Weizen natürlich, Fußgängerampeln und -wege, Wurstsalat, Bodensee, Open-Air-Rock-Festivals, Winter, Allgäu, Nachtruhe, selber kochen, voller Kleiderschrank, Duft nach frischem Heu, Sommergewitter, ein eigenes Bett mit eigenen vier Wänden drumrum, Skifahren, Kässpätzle, deutsche Tugenden, Jahreszeiten, Sicherheitsgurte, Weihnachtsstimmung, Mülltrennung, trinkbares Leitungswasser, deutsches Fernsehen, schwäbisches Vesper, Trinkgelage, Bohnenkaffee, Döner Kebab, Familienfeste, Radtouren, abgasarme Motoren, guten Wein – den ganz normalen Alltag eben (klingt doch irgendwie verrückt, oder?)

3 Gedanken zu „Im Sommer ein Jahr

  1. Mama, 06 Aug 2012:
    Lieber Bernd,liebe Lena ! Ein Jahr älter geworden, gelernt mit Heimweh nach Euch umzugehen, Ängste zuertragen. Ständig im Herzen und im Blog mit Euch in Verbindung, mit Euch gemeinsam die schönste Reise unseres Lebens erlebt. An eurem Glück teilgenommen; meine Glücksmomente sind das online-Zeichen bei Skype,denn dann weiß ich es gibt Euch noch; Deine Stimme zu hören, der Glauben und die Hoffnung Euch gesund wiederzusehen im Dezember – das hilft mir alles zu ertragen auch die schweren Momente. Das 1. Mal in meinem Leben freue ich mich auf den Winter, denn dann seid Ihr wieder zurück. Ihr fehlt uns.

  2. Katrin Schwarz, 08 Aug 2012:
    Ihr habt ja so recht. Das Privilig Zeit ist heute ganz wichtig, weil die Zeit fehlt einem überall. Fürviele Dinge hat man einfach viel zu wenig Zeit und manches läuft einfach an einem vorbei. Ihr habts richtig gemacht, wenn man die Chance hat dann muß man sie nutzen. Ihr seit für viele ein Vorbild, denn sowas muss man erstmal auf die Reihe bekomme und stemmen. Und ihr seit eine große Erfahrung in eurem Leben weiter. Mein Respekt habt ihr. Macht einfach weiter so, ich bin immer auf einen neuen Bericht gespannt. Liebe Grüße Katrin

  3. Katha, 14 Aug 2012:
    …Wurschti, Kässpätzle, Schweinebraten mit Biersauce und Knödel,Tratschen, Weißbier, Schifahren, Glühwein und gebrannte Mandeln bekommt ihr alles von mir! Freu mich, wenn ihr mich in München dann besuchen kommt. Ist ja dann ein Katzensprung für euch! Freu mich auch auf den Winter!!!! Und @ Irmi: Den Hefezopf gibts bei Dir mit gemütlichem Kaminfeuer!!! (Freude!) Eure Kathi

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