Neu im Sortiment : Bambu Bana

Die Bambusbahn in Kambodscha könnte ein Artikel aus dem IKEA-Möbelhaus sein. Man schraube einige Bambusstangen zusammen, befestige daran zwei Achsen mit einem Spurabstand von exakt 1000mm, nehme einen Außenborder und treibe eine Achse mittels Keilriemen an. Fertig ist die do-it-yourself-Eisenbahn. Und das ganz ohne Sechskantimbusschlüssel.


Sie ist ein wahrer Anachronismus und weltweit einzigartig. Noch vor zwanzig Jahren waren bis zu tausend der urigen Gefährte in Kambodscha unterwegs, da die Bahngleise die einzige Verbindung für viele Dörfer zur Außenwelt darstellten. So ein Bambuszug konnte mehrere Tonnen Fracht wie z.B. Reis, Gemüse oder Vieh zum nächstgelegenen Markt transportieren. Doch mit dem zunehmenden Straßenausbau wurden die im Volksmund auch „Norry“ genannten Vehikel in den letzten Jahren arbeitslos. Heute werden nur noch Touristen auf einer stillgelegten Strecke in der Nähe von Battambang herum kutschiert. Eine Besonderheit ist jedoch geblieben. Begegnen sich zwei Bambuszüge auf der eingleisigen Bahnstrecke, dann muss der Zug mit der geringeren Beladung von den Gleisen gehoben werden und Platz machen.
Höchste Zeit für uns, auf der Bambusbahn zu fahren, denn das Eisenbahnnetz wird in wenigen Monaten wieder voll in Betrieb genommen und damit verschwinden die Bambuszüge für immer aus Kambodscha. Enttäuschend ist der Umstand, dass die Bambusbahn sehr touristisch geworden ist. Schön für die Touristenpolizei, die am Startpunkt die Hand aufhält und saftige Fahrpreise kassiert. Blöd für die Fahrer, die vom wenigen Trinkgeld leben müssen, dass die Touristen liegen lassen. Auf dem Rückweg müssen wir so oft von den Gleisen runter, dass wir gar nicht so richtig Fahrt aufnehmen können.
Am nächsten Morgen leihe ich mir für einen (!) US-Dollar ein Fahrrad. Ich bin auf der Suche nach einem der letzten Schienenabenteuer dieser Welt und möchte abseits der Touristenmassen mit der Bambusbahn unterwegs sein. Froh gelaunt trete ich in die Pedale, bis am Stadtrand eines davon erstmal krachend abfällt und im Straßengraben landet. Mit einem Pedal quäle ich mich zurück zum Fahrradverleiher. Zweiter Versuch mit neuem Rad. Bis zum Endpunkt der Touristenstrecke sind es etwa 15 Kilometer. Auf dem Satellitenfoto hab ich mir den Weg eingeprägt. Nach der Brücke rechts rein, am Tempel mit dem Löwenportal links und dann am Anfang des dritten Dorfes rechts rein und immer geradeaus über die Reisfelder. Fünf nicht vorhergesehene Kreuzungen später bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich den richtigen Weg getroffen habe. Egal, die Richtung passt. Winkende und lachende Kinder säumen den Wegesrand. Marktfrauen mit Körben voller Gemüse kommen mir auf dem Fahrrad entgegen. Der Schweiss läuft mir in Sturzbächen von der Stirn, als ich ziemlich erschöpft am Ziel eintreffe. Während ich ein eisgekühltes Wasser stürze, erzählt mir eine junge Dame lächelnd, dass sie die Strecke nach Battambang jeden Morgen um 05:30 Uhr mit dem Rad zur Schule in einer halben Stunde zurücklege. Frustriert schaue ich auf die Uhr. Eine Stunde. Klatschnass. Ich zolle ihr neidvoll meinen Respekt für diese sportliche Leistung.
Den Augen und Ohren der Touristenpolizei bin ich durch diese Nummer erstmal entgangen. Zeit sich nach einem „Lokführer“ umzusehen, der mir den richtigen Fahrspass bieten kann. Schnell ist einer gefunden, der den lukrativen Auftrag annimmt, denn die ausgehandelten fünfzehn Dollar gehen direkt in seine Tasche. Und so brechen Fahrer, Fahrrad und Fahrgast zu einer abenteuerlichen Reise auf selten befahrenen Gleisen auf. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 20 Stundenkilometern brettern wir durch das Unterholz. Die Gleise sind stellenweise nicht mehr zu erkennen, denn die Natur hat das Terrain zurück erobert. Zentimeterlange Lücken zwischen den Gleisen, verbogene Schienen, wackelige Brücken, herunterhängende Äste oder grasende Kühe können uns nicht aufhalten. Immer tiefer dringen wir in das ländliche Herzen Kambodschas vor. Ich ernte ungläubige Blicke von Dorfbewohnern und winke den freundlichen Menschen mit einem breiten Grinsen im Gesicht zu.

Nach etwa fünfzehn Kilometern ist Schicht im Schacht. Mein Lokführer will nicht mehr weiterfahren. Ich bin mir nicht sicher, ob die Gleise zu gefährlich werden, oder ob er nur nicht mehr Sprit verfahren will (der ist in Kambodscha nämlich verhältnismäßig teuer). Auch ist es fraglich, wer die größere Attraktion im Dorf am Streckenende ist. Die selten dort verkehrende Bambusbahn oder der fanatisch fotografierende Tourist. Jedenfalls haben die zahlreichen Dorfkinder und ich eine Riesengaudi. Zwei Stunden dauert die Fahrt insgesamt. 30 Kilometer volle Fahrt, ohne das mir auch nur ein einziger Touri entgegengekommen wäre. Die Bandscheiben schmerzen von den vielen Schienenstößen und der Popo tut noch vom harten Fahrradsattel weh. Aber ich bin rundum glücklich…
Ich unterhalte mich noch ein wenig mit den Dorfbewohnern am Ausgangspunkt meiner Reise, weil gerade keine Touristen da sind, um deren Dollars man sich kümmern müsste. Die Kinder zeigen mir die örtliche Reisfabrik und basteln mir Ringe und Halsketten aus Stroh („one Dollar Sir“, das Handaufhalten wurden ihnen scheinbar von den Müttern beigebracht). Selbst die Kleinsten beherrschen einige Sätze fremder Sprachen. Wir duellieren uns dabei, in fremden Sprachen von 1 bis 10 zu zählen. Englisch, check! Deutsch, check! Französisch, check! Spanisch, check! Chinesisch? Ich muss passen…
Als am Horizont eine ganze Kolonne von Bambuszügen auftaucht mache ich mich vom Acker. Die geschäftstüchtigen Kinder positionieren sich derweil am „Bahnsteig“ um die Touristen in Empfang zu nehmen. „Cold drink, Sir?“ „Rice fabric, Mam?“ höre ich sie noch rufen, als ich bereits um die Ecke verschwinde.


Captain Picard an Brücke: Warp-Geschwindigkeit!


Dieses Foto hat mich einen Dollar gekostet. Natürlich stürzen sich die Kinder den ganzen Tag in die Fluten, aber wenn schonmal ein Tourist vorbeikommt…

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