Advent, Advent ein Lichtlein brennt

„Banos de aguas santos“ ist ein schönes Städtchen, das von Bergen, Flüssen und dem Vulkan Tungurahua umgeben ist. Man fühlt sich wie „Spaghetti al dente“, wenn man nach zehn Minuten dem 52 Grad heissen Wasser des örtlichen Thermalbads entsteigt. Der Tungurahua („Feuerkehle“) ist wenige Tage vor unserer Ankunft ausgebrochen und so sind wir besonders erfreut, seine Bekanntschaft zu machen. Er versteckt sich allerdings erstmal in den Wolken und nur gelegentlich machte er sich durch lautes Grollen bemerkbar. 
Beim Wandern in der Gegend stoßen wir dann zufällig (bzw. um genau zu sein: wir haben uns verlaufen) auf dieses kleine Paradies in etwa 2.600 Meter Höhe. Die schnuckelige Hacienda liegt auf dem halben Weg zum Kraterrand des Vulkan Tungurahua. Der fantastische Blick und die Herzlichkeit der dort lebenden Bauernfamilie bewegen uns dazu, am nächsten Tag mit dem Taxi und den Rucksäcken zurückzukehren und für eine Nacht einzuchecken. Wir kommen etwas früher als vereinbart an dem kleinen Häuschen an und sind überrascht, keine Menschenseele anzutreffen. Der gerade sehr aktive Vulkan steckt immer noch in den Wolken, aber der gewaltige Sound, den er verursacht, geht uns durch Mark und Bein. Es hört sich ungefähr an, wie eine Mischung aus Gewitter und dem Anfeuern eines Heißluftballons – nur dumpfer und lauter. Da sitzen wir also nun, mutterseelenallein am Fuße des gewaltigen Vulkans, mit dem Wissen, dass uns unterwegs kein einziges Auto und kein einziger Passant begegnet ist. Die haben doch nicht etwa das Dorf evakuiert? Nein, dann wäre doch die Straße gesperrt und der Taxifahrer hätte Bescheid gewusst, geht es uns durch den Kopf. Während wir da so sitzen und über „Plan B“ sinnieren, kommt endlich Herminia durchs Gartentor und nimmt uns herzlich in Empfang. Sie ist amüsiert über unsere Verunsicherung und betont mehrfach, dass der Platz hier oben absolut sicher sei und seit über zwölf Jahren keine Evakuierung notwendig war. Der Vulkan sei ein guter Freund der Familie. Kurz nach Einbruch der Dämmerung reißen dann plötzlich die Wolken auf und der gigantische Kegel mit seiner drei Kilometer hohen Rauch- und Aschesäule kommt zum Vorschein. Bei Anbruch der Dunkelheit bietet sich uns ein Spektakel, welches wir unser Leben lang nicht vergessen werden. Der Tungurahua spuckt permanent glühende Lavabrocken, die vom Kraterrand herabrollen und die Wolken feuerrot beleuchten. Bei selbstgekochten Spaghetti und einer Flasche chilenischem Rotwein können wir diesen atemberaubenden Anblick genießen. Unsere Gastfamilie bemerkt, dass wir die Hosen (etwas) voll haben und deshalb ziehen sie extra zu uns ins Ferienhäuschen um, was für latente Entspannung sorgt. Während Lena irgendwann friedlich einschläft, beobachtet Bernd die ganze Nacht den Vulkan und fängt mit Kamera und Stativ wunderbare Augenblicke ein. Gegen 4 Uhr morgens erreichen die Eruptionen ihren vorläufigen Höhepunkt. Die Feuerkehle schleudert Lavabrocken unter gewaltigem Getose mehrere hundert Meter hoch in die Luft. Das feurige Spektakel lässt das Blut in den Adern gefrieren. Am nächsten Morgen ist die Welt wieder in Ordnung. Die Feuerkehle hat sich etwas beruhigt und es gibt frisch gelegte Hühnereier zum Frühstück. Später erfahren wir, dass der Ort Banos in dieser Nacht nur knapp einer Evakuierung entging. Nur ein fünf Prozent höherer Magmapegel und die Stadt hätte geräumt werden müssen. Übrigens: Unser Dörfchen wäre im Falle eines massiven Ausbruchs wesentlich sicherer gewesen, als die rund tausend Meter tiefer liegende Stadt, da die Lavaströme alle an uns vorbei geflossen wären. Trotzdem sind wir irgendwie erleichtert, als wir im Taxi sitzen – wieder ein Abenteuer mehr im Gepäck.

Vulkan statt Adventskranz

Ohne Scheiss: Dieses Bild wurde von unserem Badezimmer aus geschossen!


Im Morgengrauen legte der Tungurahua nochmals richtig los…

 

5 Gedanken zu „Advent, Advent ein Lichtlein brennt

  1. onkel m., 06 Dez 2011:
    Die Vulkanbilder sind ja gigantisch… Family hockt gerade im Flieger zu Euch, habe die erste Etappe mit dem alten Mazda bis FN-Airport übernommen, leider hatte ich kein Ticket dabei, so dass ich im regnerischen (Schneeflocken waren auch dabei) Oberschwaben zurückbleiben musste. Ho,ho,ho, sagt da der alte Nikolaus (und ich zeige ihm innerlich den S-Finger…)

  2. Siegi, 13 Dez 2011:
    Aubacke, wie bin ich da wieder froh im herbstlichen, wo bleibt eigentlich der Winter dieses Jahr, Schussental zu sitzen und auf dem Weihnachtsmarkt einen schönen warmen Glühwein zu trinken. Da kann ich mir gut vorstellen wie Euch der Arsch auf Grundeis ging. Freut mich das alles gut gegangen ist und der Höllenschlund sich wieder geschlossen hat. Hoffentlich sind Dir keine Hörner gewachsen Bernd 🙂 Stressfreie, da Fahrplanwechsel endlich geschafft, Grüße aus der Heimat Siegi

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