Unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn – Teil 1

„Zwei Fahrkarten in der 2. Klasse nach Irkutsk, bitte!“ steht auf dem Zettel in kyrillischer Schrift, den wir der Dame am Fahrkartenschalter in Vladivostok reichen. Sie spricht kein Wort Englisch und wir kein Wort Russisch. Dennoch versteht sie schnell, lächelt und stellt uns die gewünschten Tickets aus. Das war ja einfach (und viel billiger als gedacht). Bedauerlicherweise stellt sich wenig später heraus, dass uns mangels Verfügbarkeit kein Kupe (Viererabteil) sondern ein Plazkart (offener Liegewagen) verkauft wurde. Drei Tage und drei Nächte in der 3. Klasse? Wir sind nicht gerade begeistert, da wir uns etwas Komfort gönnen wollten. Notgedrungen lassen wir uns aber dann doch auf dieses Abenteuer ein. Immerhin können wir Vladivostok bereits am nächsten Abend in Richtung Sibirien verlassen.

In einem Wagon der 3. Klasse befinden sich 54 Liegen – vier quer zum Fenster und zwei längs gegenüber, dazwischen ist ein schmaler Gang. Auf unseren beiden oberen Liegen können wir nicht aufrecht sitzen, da die Gepäckablagefächer einen halben Meter über unseren Köpfen schweben. Na das kann ja heiter werden {#emotions_dlg.smile}
Und tatsächlich steigt die Stimmung schnell, als wir unsere netten und lustigen Mitreisenden aus Usbekistan kennenlernen. Da ist zum Beispiel Michail, der in Vladivostok auf dem Bau arbeitet, weil er dort dreimal so viel als in seiner Heimat verdient. Für den Weg nach Hause zu seiner Familie benötigt er eine geschlagene Woche mit dem Zug. Den Namen seines Kumpels haben wir leider vergessen. Wir nennen ihn einfach den „Fernsehmann“, denn er reist in Begleitung eines riesigen Flachbildfernsehers. Die Gepäckfächer sind zu klein und so nimmt der Fernseher die Hälfte seiner Liegefläche ein. Nachts schläft der Fernsehmann auf der Seite und schnuckelt sich an seinen „Liebling“. Wenn das Teil auch nur einen Kratzer abkriegt, haut ihm seine Frau, die schon sehnsüchtig auf das neue Gerät wartet, das Geweih ab (zumindest haben wir das frei nach seinen Handbewegungen interpretiert).

 Die Zeit in der Transsibirischen Eisenbahn vertreiben wir uns mit lesen, aus dem Fenster schauen und schlafen. Dazwischen gibt es reichlich zu futtern. Die beiden Usbeken haben tütenweise Lebensmittel dabei, die sie bereitwillig mit uns teilen. Ständig wird uns ein Apfel, ein Keks oder ein Wurstzipfel gereicht. Zur Völkerverständigung ohne Worte trägt auch unser UNO-Kartenspiel bei. Die Regeln erklären sich von selbst und so sind unsere Mitreisenden schnell begeistert und wir sitzen stundenlang zockend zusammen. Die Tage ziehen nur so an uns vorbei… Wie erwartet, ist die Landschaft monoton. Nichts als Birkenwälder und endlose flache Weiten, die mit einer dünnen Schicht Pulverschnee überzogen sind. Abwechslung bieten die längeren Unterwegshalte in den großen Bahnhöfen. Zwischen 10 und 50 Minuten kann man sich die Beine vertreten, fotografieren oder Verpflegung besorgen. Der kyrillisch geschriebene Fahrplan ist ziemlich kryptisch und so besteht ein gewisses Restrisiko, die Dauer des Aufenthalts falsch zu interpretieren. Der Nervenkitzel ist jedenfalls sehr groß, nachts bei Minus 40 Grad auf dem Bahnsteig zu stehen und den eigenen Zug von außen zu fotografieren. Bei jedem Achtungspfiff zuckt man zusammen. War das jetzt mein Zug oder die Lokomotive auf dem Nachbargleis? Im Grunde ist das egal, denn beim Pfiff ist es ohnehin zu spät, da sich der Zug Sekunden später in Bewegung setzen wird (und im Gegensatz zu Thailand oder Indonesien sind die Türen dann bereits fest verrammelt).

Je weiter wir in Richtung Sibirien vordringen, desto kälter wird es draußen. An den Fenstern bilden sich Eiskristalle und aus dem Plumpsklo dampft es wie aus einem Geysir. Apropos – der Gang zur Toilette erfordert eine vorausschauende Planung, da stets zwei bis drei Mitreisende vor einem in der Schlange stehen. Und die Russen haben ganz sicher keine Eile, wenn sie dann endlich mal an der Reihe sind – fünfzehn Minuten Wartezeit sind da durchaus üblich.

 Um die Mittagszeit des dritten Tages taucht plötzlich der riesige Baikalsee neben uns auf und wenige Stunden später erreichen wir bereits unser Zwischenziel Irkutsk bei Streckenkilometer 4.103. Es heißt Abschied nehmen. Wir schütteln Hände, umarmen Menschen, schießen Gruppenfotos – aus Fremden sind Freunde geworden.

4 Gedanken zu „Unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn – Teil 1

  1. Hanns, 17 Dez 2012:
    tja, Ihr zwei lieben Weltengeher, Weltenfahrer, Weltenflieger, Weltenschwimmer, Weltenseher, Weltenhörer, Weltenspürer, Weltenschmecker, Weltenerzähler … dann noch einen guten Heimflug und ein großes Willkommen daheim! Ulrike und Hanns

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