Ching, Chang, Chong

Fortbewegung: Magnetschwebebahn Transrapid, Hochgeschwindigkeitszug, Nachtzug, S-Bahn, U-Bahn, Tram, Standseilbahn, Sessellift, Rodelbahn, Fähre, Katamaran, Bambusfloß aus Plastik, Flugzeug, Taxi, Tuk-Tuk
zurückgelegte Kilometer: 6.311
Zeitraum: 33 Tage im Oktober und November
Stunden unterwegs: 71
Sonnentage: 5 Tage Dauerregen in Yangshuo, ansonsten viel Sonne, aber regelmäßig trübe Sicht
Temperatur: T-Shirt in Hongkong, Pulli in Shanghai, Winterjacke in Peking
Budget: 35 Euro pro Person und Tag (inklusive neuer Wintergarderobe) 
Unterkünfte: ausschließlich Jugendherbergen (Hostelling International)
Gesamtbewertung: Schulnote 2,3

must-sees:
Wie hat schon einst der Revolutionsführer Mao Zedong gesagt: „Wer die große Mauer nicht bestiegen hat, ist kein Held“. Also nix wie hoch, soll uns ja keiner hinterher mit Sprüchen kommen…! Schon als Schüler hat man im Erdkundeunterricht von der 8.851,8 km langen Mauer gehört – und endlich haben auch wir sie erklommen. Zugegeben, wir waren etwas faul und haben für umgerechnet zehn Euro eine Berg- und Talfahrt mit dem Sessellift gebucht. Der etwa zweieinhalb Kilometer lange Mauerabschnitt erfordert auch so schon eine recht gute Kondition, denn es geht steil bergauf und -ab. Oben auf der Mauer (nahe der Ortschaft Mutianyu) spazieren gerade mal ein paar Dutzend Menschen – überwiegend Ausländer – die Ruhe und Abgeschiedenheit suchen. Den Chinesen ist es wohl zu langweilig hier oben, denn die brauchen Souvenirshops und Attraktionen a la Disneyland. Wir hingegen genießen die Einsamkeit und können Fotos schießen, auf denen nicht ein einziger Mensch zu sehen ist. Die Dimension der Mauer ist wirklich überwältigend und der Anblick, wie sie sich über die Bergrücken schlängelt, atemberaubend.
Zurück zum Parkplatz geht es zu unserer freudigen Überraschung mit einer Rodelbahn „Made in Germany“. Bernd setzt sich auf den Rodel, drückt den Hebel nach vorne und saust los. In jeder der etwa fünfzehn Kurven steht ein Chinese und wedelt mit einer Bremsfahne. Nach dem Motto „Wer bremst hat Angst“ saust er grinsend – und zum Schrecken aller Streckenposten ungebremst – die Bahn hinunter. Die chinesischen Fahnenwedler geraten in helle Aufregung und schreien beinahe verzweifelt „Bremsen, Bremsen!“ hinterher. Was für ein lustiges Spiel…

Die Verbotene Stadt ist ein Muss für Pekingbesucher. Wir treffen zwar nur eine Handvoll ausländischer Besucher, dafür sind abertausende von Chinesen in der früheren Kaiserresidenz unterwegs. Ein Menschenbrei schiebt sich durch die engen Tore, der Lautstärkepegel ist beinahe unerträglich. Dennoch ist ein Besuch lohnenswert, denn es gibt immer irgendwo Nischen und Winkel, wo man den Massen entgehen kann. Besonders die mit Figuren verzierten Dachgiebel haben es uns angetan…

Romantischer als die Verbotene Stadt wirkt der Sommerpalast am Stadtrand von Peking auf uns. Hierher hat sich der Kaiser mit seiner Familie zurückgezogen, wenn es zu heiß in der Stadt wurde. Zu seiner Belustigung mussten tausende Arbeiter einen riesigen See anlegen. Das haben die damals gut hingekriegt, denn auch heute noch können Besucher um den See herum lustwandeln und die tollen Pagoden, Paläste und Brücken bewundern. Im Hintergrund erheben sich malerisch die Berge und auf den Rundwegen ist tote Hose – so macht ein Ausflug deutlich mehr Spaß.

Richtig kitschige Sonnenuntergänge bietet der West Lake. Einst von Menschenhand gegraben, ist er heute eine beliebte Oase der Erholung mitten in der hektischen Millionenstadt Hangzhou. In einigen Stunden kann man gemütlich um ihn herum spazieren und dabei das (mitunter seltsame) Verhalten der Chinesen erforschen. Teiche mit tausenden von Goldfischen und mehrstöckige Pagoden mit geschwungenen Dächern verdeutlichen, dass es neben dem ganzen Stahl, Glas und Beton auch noch Elemente des traditionellen Chinas gibt, so, wie wir es in unserer Fantasie ausgemalt haben.

Ganz Südostasien besteht im Grunde aus bewaldeten Kalksteinfelsen. Irgendwann hat man sich daran satt gesehen – und doch sind die Berge um Yangshuo und Xingping von besonders bizarrer Schönheit. In riesigen Schleifen strömt der Li Fluss um die rundlichen Felsen herum. Und wenn man die Geduld aufbringt, fünf Tage lang schlechtes Wetter in der Jugendherberge auszusitzen, dann wird man mit einem wunderschönen Sonnenuntergang belohnt.

Hong Kong ist ein idealer Einstieg für Chinaanfänger. Es ist noch nicht ganz so „chinesisch“ und weil hier viele Ausländer leben kommt man auch mit Englisch wirklich gut durch. Mit der urigen Doppelstocktram (die liebevoll „Ding Ding“ genannt wird) lässt sich die Stadt wunderbar erkunden. Die Fahrt bis zur östlichen Endhaltestelle dauert 70 Minuten, wie Bernd im Selbstversuch herausgefunden hat.

forget-it:
Die hochgelobte Li Flussfahrt von Guilin nach Yangshou kann man sich eigentlich sparen. Sie ist teuer und die Strecke wird größtenteils mit dem Bus zurückgelegt. Dass die Flöße heute aus Plastik gebaut werden, kann man ja noch ertragen, aber dass weit über tausend Boote auf dem kleinen Flüsschen rauf und runter tuckern, geht einem mächtig auf den Wecker. Massenspektakel statt Naturerlebnis…

top:
Mal abgesehen davon, dass die Chinesen immer und überall hin rotzen, sind sie eigentlich schwer in Ordnung. Sie sprechen nur selten Englisch, aber mit Zeichensprache klappt die Völkerverständigung ganz gut. Lustig und freundlich sind sie alle – außer sie treten in Gruppen auf, denn dann geht das große Schubsen und Drängeln los.

Die Jugendherbergen in China haben alle einen guten Standard und das Personal ist auf westliche Kunden eingestellt, d.h. genießbares Frühstück, Englischkenntnisse beim Personal und eine Kloschüssel. Herz, was willst Du mehr?

Dank hervorragend ausgebauter Infrastruktur ist das Reisen auf Straßen und Schienen schnell und effizient. In den größeren Städten (so ab 10 Millionen Einwohnern) spricht man am Bahnschalter sogar etwas Englisch. Piece of cake – wo bleibt da die erwartete Herausforderung?

Von wegen rauchende Fabrikschlote, Smog, verschmutzte Gewässer und Müllberge, alles tiptop aufgeräumt und sauber hier… Oder ist das Wasser des Kanals in Peking doch blau gefärbt? Es stinkt jedenfalls und wirkt unnatürlich türkisblau…

wunderlich:

In China wollte Bernd Schlange, Hund, Goldfisch und andere Klischee-Leckereien probieren. Fehlanzeige, McDonald’s hat sich breitgemacht! Das Essen ist weder besonders exotisch noch lecker. Unser welterfahrener Gaumen meint: Südostasien ist um Welten besser.

Einkaufen im Lebensmittelladen funktioniert so: Du gehst hungrig rein, schlenderst an Regalen von eingeschweißten Hahnenfüßen, getrockneten Fischen und abgepackten Ameisen vorbei und gehst hungrig wieder raus. Wir finden oftmals nicht eine einzige identifizierbare oder genießbare Nahrungsquelle, noch nicht mal Kekse oder Chips…

Chinesen fahren voll auf Statussymbole ab. Teure Uhren und Schmuck, schicke Markenklamotten und deutsche Autos (immer schön kaufen, liebe Chinesen!) stehen hoch im Kurs bei den Neureichen.

Die Partei sieht alles – zumindest ist ganz China flächendeckend mit Videoüberwachungssystemen ausgestattet. Ziemlich Stasi…

nervig:
Chinesische Matratzen sind dermaßen hart, dass man eben so gut auf dem Fußboden schlafen könnte. Ob im Nachtzug oder im chinesischen Hotel – ohne eine Unterlage der Marke Eigenbau aus Winterjacke und Pullovern bricht man sich glatt die Wirbelsäule.

Der Tee ist nicht genießbar, denn statt im Beutel schwimmt das ganze Grünzeug in der Tasse rum. Das eigentümliche Gebräu schmeckt nicht nur nach gemeinem Wiesengras, man kaut auch ständig auf dem Grünzeug rum, als wäre man ein Allgäuer Rindvieh.

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Sehenswürdigkeiten, die im Entwicklungsrausch nicht niedergerissen oder überbaut wurden, ziehen Massen von Besuchern an. Gerät man als Individualtourist versehentlich zwischen die organisierten Reisegruppen, kann das schnell in Stressmomente ausarten. Taucht im Blickfeld ein Fähnchen oder Wimpel an einer Teleskopstange auf, empfehlen wir ein blitzschnelles Ausweichmanöver. Misslingt die Flucht, darf man den Ausführungen des chinesischen Reiseführers lauschen – durch’s Megaphon versteht sich. Im Grunde geht es dem Chinesen nur um eines: Möglichst viele Fotos von sich selber vor schönem Hintergrund zu schießen. Es ist schon ein kurioser Anblick, wenn eine Gruppe von vierzig homogen bemützten Chinesen fotowütig zur Tat schreitet…

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Drängeln ist gang und gäbe, besonders in der Pekinger Metro zur Rushhour. Auch wenn es fies klingt, aber ein bisschen Spaß hatten wir schon dabei, drängelnde Chinesen mit dem Rucksack wegzuchecken. Erst aussteigen lassen lautet das Motto in Europa 🙂

Während Bernd relativ gelassen auf das Rotzen reagiert, steigt bei Lena jedes Mal der Puls und sie beginnt wütend zu schnauben. Es ist schon eine ganz besonders chinesische Verhaltensweise. Scheinbar ist eine ausgefeilte Technik vonnöten, um den Rotz von der linken Zehenspitze bis in den Rachen hinaufzuziehen. Des schleimigen Klumpens entledigt sich der Chinese spuckenderweise. Dabei spielt die Beschaffenheit der Umgebung (z.B. Zugabteil, Restaurant) nur eine untergeordnete Rolle. Papierkörbe leben in China besonders gefährlich und sind nie vor einer Rotzattacke gefeit.

Öffentliche Toiletten bewegen sich etwa auf „Kuba- oder Bolivien-Niveau“ was Ausstattung und Sauberkeit angeht. Während unserer Bahnreisen stehen wir jedes Mal kurz vor der Dehydration, denn wer nix trinkt, muss auch nicht pinkeln.

Ein Gedanke zu „Ching, Chang, Chong

  1. MaNa, 05 Dez 2012:
    Hallo ihr 2! Verfolgen schon seit längerer Zeit Eure Berichte! Echt witzig geschrieben und super Fotos! Wir haben unsere „Weltreise“ erst vor 2.5 Wochen gestartet und kommen Euch entgegen! 🙂 Sind jetzt gerade in Sibirien (Irkutsk) und es ist schon -25c! Ihr könnt Euch also freuen! Ab nächste Woche gehts mit der Transsib weiter in die Mongolei, dort wirds noch kälter! Danach folgt China und wir arbeiten uns runter richtung Südostasien! 🙂 Sind wirklich gespannt auf dieses China! Gute Heimreise noch! LG MaNa http://www.farawayfromhome.net

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